Pirna (Sachsen)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 13.09.2019

Pirna ist eine Stadt an der Elbe, die bereits im Mittelalter Bedeutung erlangte durch den Eisenerzabbau im nahen Erzgebirge. Erste Manufakturen kamen mit der Kattundruckerei Ende des 18. Jahrhunderts auf. 1848 bekam Pirna eine Eisenbahn mit Anschluss nach Dresden. Seitdem entwickelte sich Pirna schrittweise zur Industriestadt. Ein Emaillierwerk wurde gebaut, Maschinenbaufabriken folgten wie Produktionsstätten für Glas, Zellstoff und Kunstseide.

Margonwasser-Werbung (Marke seit 1903)

Margon Mineralwasser Werbung in Pirna, Foto: Martin Schramme, 2019 Margon Mineralwasser Werbung in Pirna, Foto: Martin Schramme, 2019 Margon Mineralwasser Werbung in Pirna, Foto: Martin Schramme, 2019 Margon Mineralwasser Werbung in Pirna, Foto: Martin Schramme, 2019

Diese Leuchtreklame an einer Fassade in Pirna unweit einer alten Tankstelle fällt auf. Der geübte Zeitreisende erkennt, dass die Reklame aus der DDR stammen muss und Recherchen bestätigen, die Annahme, zeigen aber auch, dass die Geschichte des Margonwassers viel älter ist. Die Reise geht zurück ins Jahr 1903. Damals fand der Naturheilkundler Gottfried Moritz Gössel in Burkhardswalde südwestlich von Pirna eine Quelle mit heilender Wirkung. Er kaufte die Quelle und verkaufte das Wasser europaweit von Sankt Petersburg bis London als Heilwasser. Er nannte das Wasser Margon, was das altgriechische Wort für "Perle" ist. Gössel schrieb dem Wasser eine geheimnisvolle Heilkraft zu, insbesondere für die Augen. Um seinen Verkaufserfolg weiter abzusichern, ließ er sich 1904 ein eigens für das Margon-Wasser entwickeltes Warenzeichen beim Kaiserlichen Patentamt schützen. Noch im selben Jahr bekam Gössel für sein Heilwasser die große, goldene Fortschrittsmedaille. Der umtriebige Geschäftsmann war ein Anhänger der Lebensreformbewegung, die sich der Weltverbesserung durch Diät, Wasserbehandlung und die Renaissance konservativer Werte verschrieben hatte. 1910 zapfte Gössel einen weiteren Naturbrunnen an. Ein weitere Geschäftsausbau erfolgte 1912 mit dem Angebot von Drogerieartikeln für die Toilette. Mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) kam der Betrieb zum Erliegen. Kurz danach stirbt der Gründer. Seine Erben jedoch begannen die Unternehmung um 1920 erneut. 1929 führte sie die maschinelle örderung des Heilwassers ein. 1930 kam "Margon Sprudel" auf den Markt. Dazu hatten die Firmeninhaber das Wasser mit Kohlensäure versetzt. Durch den Einfluss der Nazis wurde der Luxus-Artikel Margon-Wasser zum Getränk für alle Volksgenossen. Dafür sorgte der staatliche festgeschriebene Verkaufspreis von 15 Pfennig. Viele Jahre lang hielt sich der Betrieb offenbar nur mit der großzügigen finanziellen Hilfe einer dankbaren Kundin, Freifrau von Stumm. Die Freifrau, einst gelähmt und psychisch krank soll nach der Behandlung durch Gössel genesen sein. Wegen sinkender Einnahmen und nach dem Tod der Freifrau kam der Betrieb 1943 erneut zum Erliegen. Schon bald nach dem Kriegsende im Mai 1945 wurde die verwaiste Quelle samt der verdreckten, desolaten Technik reaktiviert und die Margon-Produktion erlebte einen nie gekannten Aufschwung. 1946 wurden bereits mehr als eine Millionen Flaschen abgefüllt. Die Unternehmen trug nun den Namen "Gössel-Gesundbrunnen, Inhaber Artur und Walter Kunz". Wann der Betrieb verstaatlicht werden würde, war angesichts der politischen Entwicklung unter sowjetischer Führung nur eine Frage der Zeit. Derweil bestand die Produktion nicht mehr nur aus Tafelwasser. Süßgetränke komplettierten die Angebotspalette, auch wenn die Beschaffung von Essenzen und Zucker in den ersten Nachkriegsjahren schwierig war. 1953 kamen weitere Getränke dazu: Margon Limonade Sirup, Margon Orange und Margon Apfelröschen. Der bekannte Werbeslogan "Margonwasser – prickelnd frisch" entstand 1957. Der erste Schritt zur Verstaatlichung folgte 1958 mit der Umwandlung in eine KG mit staatlicher Beteiligung, eine damals weit verbreitete Variante des wirtschaftlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus. 1966 startete die Produktion von Margon Tonic Water, dem ersten und einzigen Chinin-Getränk der DDR, wie es auf der Firmenseite von Margon heißt. Hinzu kamen auch Ginger Ale und Bitter Lemon. 1972 vollendete die DDR die Verstaatlichung. Der Staat übernahm die Kontrolle. Seit 1981 hieß der Betrieb VEB Margon Dresden Betriebsteil Margonwasser Burkhardswalde. 1985 nahm Margon Cola ins Produktionsprogramm auf und nahm einige Modernisierungen vor. Nach dem Ende der DDR 1989/90 erfolgte die Reprivatisierung und Rückübertragung. 1995 kam es schließlich zum Komplettverkauf an die Gerolsteiner Brunnen GmbH & Co KG. Drei Jahre später stand die Margon-Leuchtreklame in Dresden unter Denkmalschutz. 2001 folgte die Sanierung der Leuchtreklame. Auch in Pirna hat dieser Teil der Geschichte überlebt, obwohl vielerorts große Teil der alten Wirtschaftsbetriebe mit Wurzeln in der Kaiserzeit mindestens leerstehen, wenn sie nicht dem Verfall preisgegeben oder gänzlich zerstört sind.

Betriebe in der DDR
VEB Chemische Fabrik Pirna-Copitz
VEB Entwicklungsbau Pirna
VEB Guß- und Farbenglaswerke, Pirna (VEB Flachglaskombinat Torgau)
VEB Hafftmann Likörfabrik Pirna-Elbe
VEB Kunstseidewerk "Siegfried Rädel" Pirna (CFK Schwarza)
VEB Strömungsmaschinen Pirna
VEB Vereinigte Klebstoffwerke Pirna

Wirtschaft in Pirna vor 1945
Aktiengesellschaft Sächsische Werke, Verteilungsbetrieb Pirna (ASW), Aolf-Hitler-Straße 25
Deutsches Kunst- und Kalksandstein-Werk, Aktiengesellschaft in Copitz bei Pirna
Holzindustrie Pirna Friedrich Hengst GmbH
Joh. Gottl. Hafftmann AG, Pirna
Sächsische Emaillirwerke Gebr. Gebler
Sächsische Klebstoffwerke GmbH (gegr. 1910)
Vereinigte Zwieseler & Pirnaer Farbenglaswerke AG (gegr. 1898)

Eintrag im Brockhaus von 1894: "An den Linien Dresden-Bodenbach, Kamenz-Pirna und den Nebenlinien Pirna-Großcotta und Pirna-Berggießhübel der Sächsischen Staatsbahnen. Telegraph, Fernsprecheinrichtung. ferner Gerbereien, Fabriken für Sprit, ätherische Öle und Essenzen, emaillierte Blechgeschirre, Zigarren, Töpferwaren, Hüte, Malz und Tafelglas, Brauereien, Sandsteinbrüche, Schiffbau, Schiffahrt sowie Handel mit Holz, Kalk, Braunkohlen und Sandstein."

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