Kapen (Sachsen-Anhalt)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung am 11.05.2019

Kapen war jahrzehntelang ein Ort, an dem Rüstungsgüter hergestellt wurden: erst Sprengmittel (ab 1935), dann auch Kampfstoffe (ab 1938) und später erneut Sprengmittel (DDR), darunter seit 1969 Selbstschussanlagen für die innerdeutsche Grenze.

Munitionsfabrik

Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016

Das Gelände ist riesig und in mehrere, durch Mauern und Stacheldraht gesicherte Zonen geteilt. Das Areal ist von Bunkern und Kratern übersät. Fernwärmeleitungen gehen bis weit ins Objekt. Immer wieder markieren dicke, hohe, teilweise durch Stahlplatten verstärkte Stahlbetonmauern jene Orte, wo einst Hochexplosives entwickelt, zusammengebaut und getestet wurde. Das Chemiewerk Kapen und das Munitionslager in Kapen in einem Waldstück unweit der Städte Oranienbaum und Dessau steht für einen Teil deutscher Militär- und Rüstungsgeschichte, der 1935 begann und Anfang der 1990er Jahre endete. Für das Militär war der Ort unäst als Truppenübungsplatz und Heeres-Munitionsanstalt Dessau interessant. 1936 entstand unmittelbar daneben ein Chemiewerk für Sprengstoffe und weitere Rüstungsgüter. Das Objekt bekam einen eigenen Bahnanschluss. 1945 besetzte die Sowjetarmee das Objekt. 1948 lief die Konfektionierung von Sprengstoffen und Zubehör im Chemiewerk wieder an. Das schließlich als volkseigener Betrieb geführte Werk baute unter anderem auch die Selbstschussanlagen für die DDR-Grenze zur BRD. 1985 bekam der Haltepunkt Kapen ein Containerterminal. Mit der Wende 1989 und dem Ende der DDR 1990 kam auch das Ende für die Waffenfabrik. 1991 wurden Teile des Chemiewerksgelädes zum Gewerbepark und die Russen zogen ab. 2003 bis 2005 erfolgte die Dekontamination des Geländes der Heeresmunitionsanstalt Dessau-Kapen

Über die 1945 in Dessau-Kapen lagernden Kampfstoffmengen liegen keine genauen Angaben vor. Zum Kampfstoffbunker gehörten acht Zisternen mit je 600 Kubikmeter Fassungsvermögen. 1945 sollen 226 Transportbehälter mit Lost je 1,3 Kubikmeter) sowie ein Zug mit Kesselwagen (vermutlich die letzte Lieferung der Orgacid GmbH aus Ammendorf bei Halle) vorhanden waren. Das Material fiel in die Hand der sowjetischen Besatzungstruppen und große Teile sind in der ehemaligen Kampfstoffüllstelle Kapen bei Dessau vernichtet worden.

Über die Vernichtung der Kampfstoffe in Dessau-Kapen und Halle-Ammendorf liegen keine gesicherten Aufzeichnungen vor. Angaben von Augenzeugen sind Grundlage der nachstehenden Einschätzung: Die in Dessau-Kapen gelagerte Kampfstoffe wurden durch die sowjetischen Truppen zwischen 1945 bis 1947 durch Verkippung in die Ostsee, durch Verbrennung im vorhandenen Heizhaus (zirka 1500 Tonnen reines Lost) sowie offenes Verbrennen, Vergraben und Versickern vernichtet. Ab 1952 erfolgte die Verbrennung in der speziell dafür gebauten Verbrennungsanlage. Später wurde ein auf Braunkohlebasis hergestelltes Heizöl zugesetzt. Von 1952 bis 1956 wurde in Kapen Kampfstoff aus allen Teilen der damaligen DDR verbrannt, zum Beispiel aus Halle-Ammendorf: Schwefel-Lost, Stickstoff-Lost aus Wolgast (Kampfstoffe, die bei Verladearbeiten in den Hafen gefallen waren), aus dem Steinbruch Schöna bei Delitzsch (Granaten, Bomben, Flaschen), aus Berlin-Adlershof und Berlin-Lichtenberg (Lostgranaten aus dem Ersten Weltkrieg) und aus Berga (Arsen-Kampfstoffe). Außerdem wurden Kampftsoffe neutralisiert durch den Zusatz von Chlorkalk, Bunakalk und Wasser. Dieses breiige Gemisch wurde verrührt, bis die Analyse einen Zustand der Dekontamination ergab. Die arsenreichen Rückstände, rund 160 Kubikmeter, wurden in einen Keller verbracht. Von 226 italienischen Lostbehältern wurden 142 Stück auf diese Weise dekontaminiert. Mit Lostresten kontaminiertes Erdreich aus der ehemaligen Neutralisationsanlage, das in einem Schutzbunker eingelagert war, wurde 1982 geräumt. In Halle-Ammendorf wurden in den Jahren 1945/46 große Mengen Winter-, Sommer- und Stickstofflost in Behälter abgefüllt. Etwa 558 Tonnen wurden im Plastwerk Ammendorf sowie im Chemiewerk Dessau-Kapen verbrannt. 1953/54 wurden die Reste, etwa 67 Tonnen, sowie kampfstoffangereichertes Wasser in das Chemiewerk Dessau-Kapen gebracht und vernichtet. 1958 waren die Neutralisierungs- und Entgiftungsarbeiten abgeschlossen. Nach Klagen von Anwohnern und im Zuge der Altlastensanierung nahmen Vertreter der Nationalen Volksarmee der DDR 1990 die Neutralisation von etwa 600 Kubikmeter Kampfstoffspuren mittels Kalziumhypochlorit vor. Was mit den Restkampfstoffen am Standort Dessau-Kapen passiert, ist unbekannt. Es wird jedoch vermutet, dass auch diese mit Chlorkalk entgiftet worden sind. Beim späteren Monitoring des Areals kam der Verdacht auf, dass sich Dioxin gebildet haben könnte.

Links
Sachsenschiene mit Bildern der Muna

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Chemiewerk Kapen

Wirtschaft und Leben in Kapen vor 1945
Sprengstofffabrik Kapen