Kapen

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung am 11.10.2018

Munitionsfabrik

Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016

Das Gelände ist riesig und in mehrere, durch Mauern und Stacheldraht gesicherte Zonen geteilt. Das Areal ist von Bunkern und Kratern übersät. Fernwärmeleitungen gehen bis weit ins Objekt. Immer wieder markieren dicke, hohe, teilweise durch Stahlplatten verstärkte Stahlbetonmauern, wo einst Hochexplosives entwickelt, zusammengebaut und getestet wurde. Das Chemiewerk Kapen und das Munitionslager in Kapen in einem Waldstück unweit der Städte Oranienbaum und Dessau steht für einen Teil deutscher Militär- und Rüstungsgeschichte, der 1935 begann und Anfang der 1990er Jahre endete. Für das Militär war der Ort unäst als Truppenübungsplatz und Heeres-Munitionsanstalt Dessau interessant. 1936 entstand unmittelbar daneben ein Chemiewerk für Sprengstoffe und weitere Rüstungsgüter. Das Objekt bekam einen eigenen Bahnanschluss. 1945 besetzte die Sowjetarmee das Objekt. 1948 lief die Konfektionierung von Sprengstoffen und Zubehör im Chemiewerk wieder an. Das schließlich als volkseigener Betrieb geführte Werk baute unter anderem auch die Selbstschussanlagen für die DDR-Grenze zur BRD. 1985 bekam der Haltepunkt Kapen ein Containerterminal. Mit der Wende 1989 und dem Ende der DDR 1990 kam auch das Ende für die Waffenfabrik. 1991 wurden Teile des Chemiewerksgelädes zum Gewerbepark und die Russen zogen ab. 2003 bis 2005 erfolgte die Dekontamination des Geländes der Heeresmunitionsanstalt Dessau-Kapen

Über die 1945 in Dessau-Kapen lagernden Kampfstoffmengen liegen keine genauen Angaben vor. Zum Kampfstoffbunker gehörten acht Zisternen mit je 600 Kubikmeter Fassungsvermögen. 1945 sollen 226 Transportbehälter mit Lost je 1,3 Kubikmeter) sowie ein Zug mit Kesselwagen (vermutlich die letzte Lieferung der Orgacid GmbH aus Ammendorf bei Halle) vorhanden waren. Das Material fiel in die Hand der sowjetischen Besatzungstruppen und große Teile sind in der ehemaligen Kampfstoffüllstelle Kapen bei Dessau vernichtet worden.

Über die Vernichtung der Kampfstoffe in Dessau-Kapen und Halle-Ammendorf liegen keine gesicherten Aufzeichnungen vor. Angaben von Augenzeugen sind Grundlage der nachstehenden Einschätzung: In Dessau-Kapen gelagerte Kampfstoffe vernichteten die sowjetischen Truppen zwischen 1945 bis 1947 durch Verkippung in die Ostsee, durch Verbrennung im vorhandenen Heizhaus (ca. 1 500 t reines Lost), sowie offene Verbrennung, Vergrabung und Versickerung. Ab 1952 erfolgte die Verbrennung in der speziell dafür gebauten Verbrennungsanlage (Möglichkeit der Verbrennung von 1 000 bis 1 500 l/h eines Lost-Spiritus-Gemisches; Verhältnis Lost : Spiritus 1 : 2,5 bzw. 1 : 2). Später wurde ein auf Braunkohlebasis hergestelltes Heizöl zugesetzt. Von 1952 bis 1956 wurde in Kapen Kampfstoff aus allen Teilen der damaligen DDR verbrannt, z. B. aus Ammendorf: Schwefel-Lost, Stickstoff-Lost aus Wolgast: Kampfstoffe, die bei Verladearbeiten in den Hafen gefallen waren aus dem Steinbruch Schöna bei Delitzsch: Granaten, Bomben, Flaschen aus Berlin-Adlershof und Berlin-Lichtenberg: Granatengräber (Lostgranaten) aus dem Ersten Weltkrieg aus Berga (Bergwerksschacht): Arsenkampfstoffe Darüber hinaus erfolgte eine Neutralisation durch Zusatz von Chlorkalk, Bunakalk und Wasser. Dieses breiige Gemisch wurde verrührt, bis die Analyse einen Zustand der Dekontamination ergab. Der arsenreiche Rückstand (ca. 160 m3) wurde in einen Keller verbracht. Von 226 italienischen Lostbehältern wurden 142 Stück auf diese Weise dekontaminiert. Mit Lostresten kontaminiertes Erdreich aus der ehemaligen Neutralisationsanlage, das in einem Schutzbunker eingelagert war, wurde 1982 geräumt. Es ist nicht bekannt, wohin diese kontaminierte Erde kam. In Halle-Ammendorf erfolgte in den Jahren 1945/46 die Abfüllung großer Mengen von Winter-, Sommer- und Stickstofflost in Behälter. Etwa 558 t wurden im Plastwerk Ammendorf im betrieblichen Kohlekraftwerk sowie im Chemiewerk Dessau-Kapen verbrannt. In den Jahren 1953/54 erfolgte der Abtransport der restlichen Kampfstoffe (etwa 67 t) sowie kampfstoffangereicherten Wassers in das Chemiewerk Dessau-Kapen, wo die Kampfstoffe verbrannt wurden. Die Neutralisation des Bodens und die Entgiftungsarbeiten waren 1958 abgeschlossen. 1990 erfolgte die Neutralisation von ca. 600 m3 Kampfstoffspuren enthaltendem Sickerwasser durch die damalige Nationale Volksarmee mittels Kalziumhypochlorit. Schriftliche Aufzeichnungen über die Restkampfstoffe am Standort Dessau-Kapen liegen nicht vor. Es wird jedoch vermutet, daß auch die Restkampfstoffe auf dem Gelände Dessau-Kapen durch Vermischen mit Chlorkalk entgiftet worden sind. Auf dem Standort Dessau-Kapen sind Arsenuntersuchungen im Boden und Grundwasser im Umfeld der Kontaminationsschwerpunkte durchgeführt worden. Hinweise auf eine Dioxinbildung als mögliche Folge der Entgiftung chemischer Kampfstoffe sind erst seit 1994 bekannt. Im Ergebnis einer Vorortberatung am 22. September 1994 zwischen Eigentümer und zuständigen Behörden waren Dioxinanalysen im Rahmen der weiteren Untersuchungen als erforderlich erachtet worden.

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Chemiewerk Kapen

Wirtschaft und Leben in Kapen vor 1945