Apolda (Thüringen)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 4.1.2019

Apoldas Stadtväter präsentieren die Stadt heute als "Stadt der Glocken und Strickwaren". Dabei befand sich in Apolda Anfang des 20. Jahrhunderts einer der größten Automobilhersteller des Deutschen Reiches. Auch die Löschgeräte aus Apolda sind legendär. Von der Legende geblieben ist nur ein beachtliches Werk Bauhaus-Architektur aus der Feder Egon Eiermanns.

Apollowerke AG - Wiege des Automobilbaus in Thüringen (Abriss 2017)

ehemaliges Objekt des Automobilherstellers Apollo-Werke in Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Auf dem gesamten Betriebsgelände ist das Rauchen verboten!

1904 begann in Apolda die Automobil-Produktion durch die Firma Ruppe & Sohn, die schon ein Jahr zuvor mit ihrem Motorrad "Apoldiana" aufwartete. Ab 1910 hieß die Unternehmung Apollo-Werke AG (Gründung bereits 1908), auch wenn noch im selben Jahr Rechnungen der Firma A,. Ruppe & Sohn AG kursierten mit dem Hinweis: Motor-, Motorwagen- und Landwirtschaftliche Maschinenfabrik, Eisengießerei. Fahrzeuge der Marken Piccolo und Apollo verließen die Werkhallen. Alte Apoldaer erinnern sich auch an den Mobbel, ein weiteres Fahrzeugmodell aus den Apollo-Werken. Am 11. Februar 2014 berichtete die "Thüringer Allgemeine", dass der Motorsportclub Apolda den Abriss des historischen Komplexes verhindern will. Von Denkmalschutz war die Rede. Die Untere Denkmalschutzbehörde prüfte. Kurz zuvor hatte die Stadtverwaltung Apolda das Gelände erworben. Bereits 1995 war es dem Museum der Stadt gelungen, einen "Mobbel" zu kaufen. Im Frühjahr 2014 ersteigerten die Apoldaer Bernd und Marko Planer in Wien einen original Mobbel-Motor mit dem Ziel, mit diesem einen Piccolo zu bauen. Weltweit soll es noch mindestens 24 Piccolo geben. Die Pkw-Marken Apollo und Piccolo wurden bis 1927 produziert und waren wegen der guten Qualität sehr gefragt. Die Apollo-Werke AG hatte Ausstellungen und Büros in allen größeren Städten Deutschlands und im Ausland darunter in Österreich und Russland. Bei der Modellentwicklung wirkte der Konstrukteur und Rennfahrer Karl Slevogt (1876-1951) seit 1910 mit, wobei er seine Erfahrungen als Konstruktionschef bei Laurin & Klement (Mladá Boleslav) sowie Puch (Graz) mitbrachte. Er führte die Wasserkühlung ein und moderne Karosserieformen. 1922 soll er es gewesen sein, der die legendäre Rennstrecke Schleizer Dreieck entdeckte. Selbst in der Türkei warb der deutsche Automobilhersteller aus Apolda einst für "erstklassige Material und gediegenstes Konstruktion". Im Angebot waren Personenwagen, Lieferungswagen und Schnell-Lastwagen. Doch 1927 war Schluss mit der Automobilproduktion. 1932 folgte der Konkurs. Die krisenhaften Jahre der Weimarer Republik hatten dem Unternehmen zugesetzt, auch weil die Konkurrenz billiger produzierte.

In der DDR nutzte der volkseigene Betrieb VEB Metallbau und Laboröbelwerk Apolda das Gelände. Von 1992 bis 2011 war das Objekt in den Händen der Nori Möbel GmbH.

2014 träumten Projektentwickler der Internationalen Bauausstellung (IBA) von der Zukunft des Apollo-Werkes in blumigen Worten: "Mission Apollo 23 – Von Mondlandschaften zum Innenentwicklungspotenzial". Bis 2016 sollte diese Vorstellung Wirklichkeit werden, im Herbst 2015 war von Visionen jedoch nichts zu sehen. Im Februar 2017 schrieb die Stadt den Abriss aus, bereits im Sommer 2017 vollendeten die Abrissbagger ihr Werk und zerstörten ein weiteres Stück deutscher Industriegeschichte. Oldtimerfreunde haben gegen den Kulturfrevel protestiert und eine beachtliche Internetseite zu den Apollo-Werken zusammengetragen.

Eine interessante Seite für Freunde des Automobils.

Villa, Baudenkmal Baujahr 1910

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Diese Villa aus der Kaiserzeit schmeichelt dem Auge des Betrachters. Das 1910 errichtete, heute denkmalgeschützte Eckhaus stand 2010 für 8000 Euro zur Versteigerung, nachdem es im Vorjahr gebrannt hatte. Wer weiß mehr darüber? Bitte melden Sie sich über das Kontaktformular.

alte Villa mit VEB-Aufschrift

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Direkt neben dem Hauptgebäude des Feuerlöschgerätewerkes befindet sich eine Villa mit einem Nadelbaum-Wappen und der Aufschrift VEB. Wer weiß mehr darüber? Bitte melden Sie sich über das Kontaktformular.

Feuerlöschgerätewerk Apolda

Feuerloeschgeraetewerk Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2017

Das Hauptgebäude des Feuerlöschgerätewerkes in Apolda ist ein Paradestück der Bauhaus-Architektur. Architekt des Bauwerkes war Egon Eiermann (1904-1970). Eiermann belegte von 1925 bis 1928 die Meisterschule beim Bauhausarchitekten Hans Poelzig. Anders als die meisten Bauhäusler (einschließlich Poelzig) konnte er während der NS-Zeit unbehelligt weiter arbeiten, wobei er vor allem Industriebauten entwarf, darunter 1938 für die Auergesellschaft Berlin, die später in wichtige Rüstungsvorhaben wie das Uranprojekt und die Giftgasproduktion der Orgacid eingebunden war. Nach dem Ende der Produktion stand es lange leer und verfiel. Dann wurde es gerettet und saniert. Doch wer das Objekt nutzt, war im Herbst 2015 noch unklar. Seit 1992 steht das Eiermann-Haus unter Denkmalschutz. Mehr zum Bauwerk ist auf der Seite der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zu finden.

alter Schlachthof Apolda

alter Schlachthof Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015

Seit Oktober 1992 ist die Thüfleiwa Thüringer Fleischwaren Produktions- und Vertriebs AG auf dem Gelände tätig. Damit führt sie die Tradition der Fleisch- und Wurstwarenproduktion fort, die an diesem Standort Ende der 1960er Jahre begann. Zuvor war das Objekt ausschließlich Schlachtungen vorbehalten. In der Kaiserzeit war der Städtische Schlachthof Apolda erbaut worden.

Strickwaren-Fabrik in Apolda

Foto: Martin Schramme, 2015

Apolda war einst eine Hochburg der deutschen Textilindustrie, was sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, als David der Strickermann mit Strumpfstricken sein Brot verdiente. Exquisite Textilerzeugnisse aus Apolda gingen schließlich in die ganze Welt.

Glockengießerei Apolda

Glockengiesserei Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Apolda ist deutschlandweit bekannt als Ort des Glockengusses. Während der zwei Weltkriege wurden viele Glocken zugunsten der Kriegswirtschaft konfisziert und eingeschmolzen. Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) war dafür die Kriegsmetall AG in Hamburg, Dovenfleth 20, zuständig. Eine Glockensammelstelle befand sich auch im mecklenburgische Schönberg.

altes Umspannwerk

altes Umspannwerk, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Dieses alte Umspannwerk befindet sich unweit des alten Schlachthofes. Wer weiß mehr darüber? Bitte melden Sie sich über das Kontaktformular.

altes Robert-Koch-Krankenhaus (Teilobjekt)

Robert-Koch-Krankenhaus, Foto: Martin Schramme, 2015

Das alte Krankenhaus an der Robert-Koch-Straße stand im Herbst 2015 leer. Im Dezember 2002 wurde das neue, zentrale Robert-Koch-Krankenhaus am Ortseingang Richtung Jena übergeben.

Ingenieurschule für Baustofftechnologie

Ingenieurschule fuer Bautechnologie, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Heute beherbergt der Gebäudekomplex die Materialforschungs- und Prüfanstalt an der Bauhaus-Universität Weimar (BUW).

Lederwarenfabrik (VEB Apoldaer Lederwarenfabrik)

Lederwarenfabrik Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

In der DDR war die Lederwarenfabrik an der Bukarester Straße in Apolda seit 1952 volkseigen, also staatlich. Schon bald entwickelte sich der Betrieb zur einem Hersteller hochwertiger Exportware. Die für den Glockenguss weithin bekannte Stadt kennzeichnete ihre Produkte mit dem Glockensiegel. Damen-, Stadt- und Reisetaschen aus Apolda gingen in 18 Länder, darunter die UdSSR (Sowjetunion), Kuweit, Schweden und Schweiz. Drei von vier Taschen waren für Kunden im Ausland bestimmt, die meisten für die BRD. Was viele Westdeutsche nicht wissen: Viele Waren in ihren Geschäften kommen aus der DDR, so eben auch Lederwaren von Addidas und Neckermann. Im Zuge der Kombinatsbildung wurde der VEB Apoldaer Lederwarenfabrik 1969 zum Leitbetrieb der Erzeugnisgruppe Damen-, Stadt- und Reisetaschen und führte weitere 120 Fertigungsstätten. Für den Binnenhandel stellte Apolda die Auto-Himmel für Trabant und Wartburg her. Bis zu 600 Menschen arbeiteten in der Fabrik. Dann kam das Ende der DDR, aus dem Kollektiv wurde das Team, das im Jahr 2007 noch aus 60 Leuten bestand. 2014/2015 produzierte das Lederatelier Apolda für die Weltmarke MCM, die mit Luxusleder-Artikeln handelt, und für Germanmade, Etienne Aigner und Wunderkind von Wolfgang Joop. In Teilen des alten Fabrikgebäudes befand sich ein "Planet Casino".

Ludwig Raebel AG

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Raebel war 2015 als Offene Handelsgesellschaft (OHG) für Tischwäsche und Geschenkartikel tätig und stellte sich auf seiner Internetseite als eines der ältesten Unternehmen in Apolda vor, das seit mehr als 100 Jahre im Ort ansässig ist. Nach Aktenlage des Bundesarchivs hatte Raebel 1936 die Umwandlung von einer Kapitalgesellschaft (AG) in eine OHG beantragt.

Wirkwarenfabrik Richter & Fürste Apolda

Wirkwarenfabrik Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015
Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Die Wirkwaren-Fabrik Richter & Fürste warb in den 1930er Jahren als Spezialist eines billigen Genres modischer Strickbekleidung.

Uhrenwerke Apolda

Uhrenwerke Apolda, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

VEB Mechanik Uhren- und Maschinenfabik Ruhla, Werk Apolda
Vorläufer war die 1873 in Ruhla gegründete Metallwarenfabrik Gebrüder Thiel. Ende der 1880er Jahre begann das Unternehmen die Uhrenproduktion. 1891 begann bei Thiel Deutschlands erste industriellen Produktion einer Taschenuhr. 1901 erfolgte die Umfirmierung zur Gebrüder Thiel GmbH. 1912 begann Thiel den Einstieg in die Fabrikation von Werkzeugmaschinen. 1922 wurde Apolda zu einem der weiteren Produktionsstandorte. Nur die Thiel-Standorte Ruhla und Apolda überstanden Reparationen und Demontagen nach Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Seit 1. Mai 1952 hieß der Werksverband VEB Uhren und Maschinenfabrik Ruhla.

Betriebe in der DDR
VEB Apart Apolda (VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt)
VEB Apoldaer Lederwarenfabrik, Bukarester Straße 13 (VEB Kombinat Lederwaren Schwerin)
VEB Brennschneidmaschinen Apolda, Erfurter Straße 15 (VEB Kombinat Feinmechanische Werke Halle)
VEB Feuerlöschgerätewerk Apolda (VEB Kombinat Fortschritt Landmaschinen)
VEB Jenapharm, Laborchemie Apolda (VEB Pharmazeutisches Kombinat)
VEB Mechanik Uhren- und Maschinenfabik Ruhla, Werk Apolda (VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt)
VEB (K) Metallbau und Labormöbelwerk Apolda (MLW, vormals Apollo-Werke)
VEB Modern, Apolda (VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt)
VEB Strick- und Wirkwaren, Textilmode Apolda
VEB Vereinsbrauerei Apolda

Wirtschaft in Apolda vor 1945
Bernhard Blümel Wirkwaren-Fabrik
Gebr. Ulrich Glockengießerei AG Apolda (Bronzeglocken, Läutmaschinen mit elektrischem Antrieb; zweiter Standort in Kempten im Allgäu)
Gottlob Miltsch, Fabrikation von Strick- und Wirkwaren und Fantasieartikeln
Henze & v.d. Gönna Apolda - Leder-Treibriemen-Fabrik
Herbert Opel Strick-Wirkwaren-Fabrik
Hermann Borgmann Weberei, Wirk- und Wollwaren-Fabrik (Fabrikation von Lammfell- und Eiderdaunenstoffen, Flauschstoffen, Trikot-Konfektionsstoffen aller Art, Mohairplüschen und Fellimitationen, Woll- und Friesplüschen und Eisbärstoffen; eigene Dampffärberei, Wäscherei und Appreturanstalt; Zweigniederlassung in Berlin, Krausenstraße 38)
Josef Matt Autoreifen und Autozubehör
Paul Trognitz - Technisches Geschäft (Specialitäten: importierte russische und amerikanische Maschinen- und Cylinderöle für Satt- und Heißdampf, Gas- und Elektromotorenöle, Knochen-, Klauen-, Centrifugen-, Strickmaschinen-, Automobil- und Vaselinöle, industrielle Fette, Kernleder-Treibriemen und alle Arten Textilriemen, als Balata-Kamelhaar- und Baumwoll-Riemen, endlos und in Rollen)
Loeser & Goetze - Fabrik gewirkter, gewebter und gehäkelter Fantasie-Artikel in Seide, Wolle und Baumwolle
Louis Lepper Büchsenmacher
Ludwig Raebel AG
Stieberitz & Müller Nachf. Apolda, Maschinenfabrik, Eisengiesserei, Kessel & Kupferschmiede
Strick- u. Wirkwaren-Fabrik Breitenborn & Hamel (Musterläger und Vertreter in Königsberg, Hamburg, Fellbach, Frankfurt/Main, Berlin, Düsseldorf, Bremen, Amsterdam)
Total Kommanditgesellschaft Foerstner & Co.
Vereinsbrauerei Apolda Aktiengesellschaft
Web-, Wirk- und Strickwarenfabrik Borgmann & Co. GmbH
Wirkmaschinen-Fabrik Bruno Knobloch (Specialitäten: Raschel- und Drehkettenstühle, Plüschtrenn-, Scher-, Rauh-, Spul- und Zwirnmaschinen und Haspeln, Spulen in Holz und Pappe)
Wirk- und Strickwaren-Fabrik Max Wiener
Wirkwarenfabrik Walter Seiss
Wurstfabrik Wilhelm Wiegand (königlicher Hoflieferant)

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: "Fabrikation von Wollwaren (67 Fabriken mit 8000 Arbeitern und Faktoreien in ganz Thüringen) Maschinen, Posamenten, Kartons, Kisten, Konditorei-, geräucherten Fleischwaren und Ziegelsteinen; Färbereien, Brauereien, Eisen- und Glockengießereien. Der jährliche Gesamtumschlag der Wollwaren beträgt gegen 20 Millionen Mark."

Eintrag im Volks-Brockhaus von 1936: Industriestadt in Thüringen, bei Weimar; Strick- und Wirkwarenherstellung, Maschinenfabriken, Glockengie6szlig;ereien.

Begriffslegende
Balata = Ort in Palästina
Eiderdaunstoffe = Der Begriff Eiderdaunen kommt von der Eiderente. Bei Eiderdaunstoffen handelt es sich um Wirkware, ganz weich appretierte Flanelle oder auch leinenes Inletzeug
Faktorei = alter Begriff für Handelsniederlassung
Haspel = technisches Hilfsmittel zum Auf- und Abwickeln zum Beispiel von Textilfäden
Karl-Marx-Stadt (in der DDR Bezirksstadt des gleichnamigen Bezirkes) = heute Stadt Chemnitz im Freistaat Sachsen
VEB = Volkseigener Betrieb