Tabakfabriken

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
letzte Änderung am 20.06.2017

Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in Deutschland waren auch die Zuckerfabriken auf dem Vormarsch. Einen besonderen Aufschwung erlebte die Zuckerindustrie infolge der Kontinentalsperre, die Napoleon für Colonialwaren verhängte, wozu auch das Zuckerrohr gehörte. Als Ersatz für die Zuckergewinnung etablierten Forschung und Industrie die Zuckerrübe. Gewaltige Gebäudekomplexe entstanden landauf und landab und blieben in Mitteldeutschland vielfach bis Mitte der 1990er Jahre in Betrieb.

Zuckerfabrik bis 1946, Tabakfabrik bis 1990

Foto: Martin Schramme, 2013 Foto: Martin Schramme, 2013 Foto: Martin Schramme, 2013 Foto: Martin Schramme, 2013 Foto: Martin Schramme, 2013

Dezember 2013: Dieser herrliche Fabrik-Komplex in Glauzig steht fast komplett leer und ist in Teilen verfallen. Er gehört verschiedenen Eigentümern. Die Zeit, als das Objekt Geschichte schrieb, liegt lange zurück. Man schrieb das Jahr 1847, als in Glauzig eine Rübenzuckerfabrik errichtet wurde. Die Rüben kamen aus dem Umland. Im April 1872 wandelten die Eigentüner die Fabrik in eine Aktiengesellschaft um. Zu der Zeit gehörten folgende Güter und Domänen dazu: 1. Glauzig-Görzig 736 Hektar, 2. Weissandt 285 Hektar, 3. Klepzig bei Cöthen 190 Hektar, 4. Arensdorf 331 Hektar, 5. Piethen 196 Hektar, 6. Löbejün 197 Hektar, 7. Werdershausen 398 Hektar, 8. Ostrau 630 Hektar, 9. Fernsdorf 356 Hektar, 10. Kütten 166 Hektar = 3485 Hektar = 34,85 Quadratkilometer. 1914 bekam die Zuckerfabrik einen Gleisanschluss. 1923 wurde die Fabrik erneut erweitert. 1939 warb das Unternehmen mit der Weißzuckerproduktion. 1943 hielt die 1921 gegründete Dessauer Werke für Zucker und Chemische Industrie AG (Fine) ein Viertel der Aktien. 1946 wurde die Zuckerfabrik in Glauzig demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion verbracht. Alle Einsprüche waren zwecklos. Die DDR nutzte die Gebäude nun für Rohtabak als VEB Tabakkontor Dresden Werk Rohtabak Glauzig Rohtabaklager. Der VEB Tabakkontor ging 1970 aus dem VE Absatz- und Lagerkontor für Tabak hervor. Seine Aufgaben waren die Versorgung der Industrie mit Rohtabak aus Importen und dem Inland sowie die Versorgung des Handels mit Tabakwaren. Sitz des VEB war seit 1953 die Tabakmoschee (Yenidze) in Dresden. Als Leitbetrieb im Bereich Rohtabak war der VEB Tabakkontor seit 1979 Teil des VEB Kombinat Tabak Berlin. 1980 wurden Teile der Fabrik in Glauzig rekonstruiert. 1990 übernahm die Treuhandgesellschaft. Im Sommer 1995 berichtete die MZ vom privatisierten Betrieb. Damals wurden die Kapazitäten erweitert, um einen Großauftrag abzuarbeiten.

Vereins-Zuckerfabrik Rödiger & Cie.

Foto: Martin Schramme
Foto: Martin Schramme, 2011 Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme

Zuckerfabrik am Döcklitzer Tor: 1872 erbaut von der Herzoglichen Maschinenfabrik Bernburg, 1894 und 1910 umgerüstet (1910 von der Maschinenfabrik Halle), Dampfpumpen von Weise & Monski (Pumpenwerk in Halle), 1945 als Zuckerfabrik stillgelegt und von den Sowjets demontiert. Es gab einst zwei Zuckerfabriken in Querfurt. Die an der Merseburger Straße wurde 2011 abgerissen. Die Zuckerfabrik am Döcklitzer Tor verfällt seit vielen Jahren. Am 21. Juli 2013 meldete die Lokalpresse den Einsturz eines Hallendaches.
Nach dem Ende der DDR (1990) kaufte der Investor Manfred Salzmann aus Bayern die Zuckerfabrik am Döcklitzer Tor von der Treuhandliegenschaftsgesellschaft. Im Sommer 2011 befand sich ein Schild an dem sehr weitläufigen Gebäudekomplex: "Eigentümer concret Gmbh i.L. Halle" (i.L. = in Liquidation).

Zuckerfabrik Erdeborn | VEB Zuckerkombinat Vorwärts Halle Betrieb I (Teilabriss 2010/2011)

Zuckerfabrik Erdeborn 03.2010 / Foto: Martin Schramme, 2010 Zuckerfabrik Erdeborn 03.2010 / Foto: Martin Schramme Zuckerfabrik Erdeborn 03.2010 / Foto: Martin Schramme Zuckerfabrik Erdeborn 03.2010 / Foto: Martin Schramme

Die Zuckerfabrik liegt an der Eisenbahnlinie Halle-Kassel. Sie wurde 1865/66 erbaut. 1901 lieferte die Hallesche Maschinenfabrik eine Verdampferstation. 1922 trat die Zuckerfabrik Erdeborn der Vereinigung Mitteldeutscher Zuckerfabriken bei. mehr In der DDR handelte es sich zu letzt um den VEB Zuckerkombinat Vorwärts Halle Betrieb I.

ehemaliger Speicher der Zuckerfabrik Radegast (1864/65)

Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016

Dieses Speichergebäude gehört zu den kargen Resten der ehemaligen Zuckerfabrik in Radegast. Wie unschwer zu erkennen ist, wurde der Speicher für spätere Verwendungszwecke baulich modifiziert. Etliche Fenster wurden zugemauert und ein Teil des Dachgiebels abgetragen und mit einem deutlich flacheren Dach bedeckt. 1865 begann in Radegast die Zuckerfabrikation. 1931 kam die die Fabrik in den Aktienbestand der nahen Zuckerfabrik in Zörbig.

Villa des Zuckerfabrikanten in Zörbig, in der DDR Poliklinik

Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016 Foto: Martin Schramme, 2016

1852 gründeten die Brüder Elsner in Zörbig eine Zuckerfabrik. Der mitteldeutsche Raum bot ideale Bedingungen für den Anbau von Zuckerrüben. Infolge der Kontinentalsperre durch Napoleon hatte sich die einheimische Zuckerrübe zur Alternative für das Zuckerrohr aus Übersee entwickelt. Mehrere Zuckerfabriken, darunter auch die in Zörbig, bekamen einen Gleisanschluss nach Köthen. Ludwig Elsässer war der erste Fabrikdirektor. Während des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) kamen kriegsgefangene Russen und Franzosen als Zwangsarbeiter zum Einsatz. Sie mussten unter anderem Kohle und Zuckerrüben ausladen. 1945 gehörte die Zuckerfabrik zu den führenden in Deutschland, doch sie wurde Teil der Reparationsleistungen an die Sowjetunion. Zu DDR-Zeiten (bis 1990) wurde die alte Fabrikantenvilla als Poliklinik genutzt und später durch einen modernen Anbau mit Wellendach erweitert (Radegaster Str. 2).

Einfahrt zur Zuckerfabrik Delitzsch

Foto: Martin Schramme

1889 wurde die Zuckerfabrik Delitzsch AG gegründet. Mehr als 50 Aktionäre starten das Unternehmen mit 313 Aktien und 900.000 Reichsmark Stammkapital. 1890 startete die erste Kampagne, parallel wurde die Zuckerfabrik nahe der Bahnlinie errichtet. 1894 wurdu aus der AG eine GmbH. Die Fabrik wurde ständig ausgebaut und erweitert durch neue Maschinen und Gebäude oder Gebäudeteile. 1908 bekamen die Arbeiter auf dem Fabrikhof eine eigene Unterkunft. Nur in den Kriegsjahren 1914 bis 1918 ruhte der Ausbau. Ab 1922 wurde die Zuckerfabrik schrittweise auf Strom umgestellt. Später erneut erweitert, nachdem drei Zuckerfabriken im Umland geschlossen hatten. 1937 wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, die Rübenblätter zur Futterherstellung zu verwenden. 1938 wurde das leerstehende benachbarte Mühlengrundstück erworben und als Lager genutzt. 1946 ging die Werkseinrichtung der Zuckerfabrik als Reparationszahlung für die Zerstörungen und Leiden des Zweiten Weltkrieges an die Sowjetunion. Von 1952 bis 1955 wurde die Fabrik wieder aufgebaut. 1955 wurde der Neubau als größte und modernste Zuckerfabrik der DDR übergeben. Ein erster Anlauf zum Neubau 1947 war noch daran gescheitert, dass die benötigten Materialien und Maschinen nicht zur Verfügung standen. Von 1960 bis 1972 nutzte der VEB Zuckerfabrik Delitzsch die Vegetationszeit der Zuckerrüben, um bis zu 20.000 Tonnen Rohrzucker aus Kuba zu verarbeiten. 1971 galt die Zuckerfabrik, die seit 1966 zum VEB Zuckerkombinat "Fortschritt" Zeitz gehörte, als Modellfabrik der DDR-Zuckerindustrie. Eine neue Welle der Modernisierung und Rationalisierung setzte ein. Silos und Dicksaftbehälter wurden aufgestellt. 1991 übernahm die Südzucker AG das Werk und modernisierte es mit einer Gesamtinvestition von 150 Millionen D-Mark. 1998 fuhr die Fabrik seine 100. Kampagne mit einer Tagesleistung von 7071 Tonnen. 1955 hatte die Leistung bei 1125 Tonnen gelegen, 1976 bei 2558 Tonnen und 1990 bei 4298 Tonnen. 2000 war Schluss. Inzwischen ist die Fabrik abgerissen und das Gelände ein Solarpark.

Zuckerfabrik Halle Saale (2006 für Computerhersteller Dell abgerissen)

Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme

Die "Neue Aktien-Zucker-Raffinerie" wurde 1859 gegründet. 1881 übernahm ein Konsortium unter dem Fabrikanten Richard Riedel und dem Bankier Heinrich Franz Lehmann das Unternehmen und gründete es unter dem Namen Zuckerraffinerie Halle AG neu. Hergestellt wurden dort Brotzucker, Würfelzuecker, gemahlener und granulierter Zucker. 1884 kaufte das Unternehmen die Hallesche Zuckersiederei am Hospitalplatz. Edmund Oskar von Lippmann (1857-1940) leitet die Zuckerfabrik von 1890 bis 1926 und machte sie zu einer der größten Zuckerfabriken in Deutschland. 1905/06 wurde die Fabrik am Bahnhof umgebaut und die Zuckersiederei dorthin verlegt. 1922/23 trat die Fabrik der Vereinigung mitteldeutscher Rohzuckerfabriken bei. Zu DDR-Zeiten wurde der Betrieb unter dem Namen "VEB Zuckerraffinerie Vorwärts Halle" (Raffinieriestraße 28) bis 1990 fortgeführt. Dann übernahm die Treuhandgesellschaft die Liegenschaft. Die Zuckerraffinerie Halle gehörte wie 18 weitere Zuckerraffinerien, der VEB Ratiomittelbau Halberstadt und das Institut für Forschung und Rationalisierung der Zuckerindustrie in Halle zum Mitte 1984 gebildeten VE Kombinat Zucker Halle mit Sitz am Joliot-Curie-Platz 31. Bis zum 30. Juni 1990 bestand das Kombinat. Zum 1. Juli 1990 firmierte es als Deutsche Ostzucker AG. Doch schon am 31. Dezember 1990 erlosch die AG. Insolvenz. Fortan war die Immobilien- und Vermögensverwaltungs AG Halle/Saale mit der Beseitigung der Deutschen Ostzucker AG befasst. Die sehenswerten historischen Gebäude verfielen ungenutzt und wurde 2006 im Zuge der Ansiedlung eines Call-Centers von Dell abgerissen. Für einen Teil der Klinker fanden sich findige Geschäftsleute mit osteuropäischem Akzent.