Schönebeck (Elbe)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung am 26.05.2017

Schönebeck war einst hochgradig industrialisiert und mit seinen Produkten teilweise von zentraler Bedeutung erst in Deutschland und später in der DDR.

VEB Kraftfuttermischwerk Frohse (VEB Getreidekombinat Magdeburg)

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

Zu NS-Zeiten errichtete der Reichsnährstand in strategisch günstiger Lage eine Getreideverarbeitung. Sieben Speicher- und Produktionsgebäude entstanden und bekamen mit Stahlbeton doppelt gesicherte D&auuml;cher. Die strategische Reserve sollte bombensicher sein. 1956 startete die DDR das Kraftfuttermischwerk Frohse offiziell. Wichtige Teile der Transport- und Trocknungstechnik im Kraftfuttermischwerk Frohse wurden in den 1960er Jahren modernisiert. Prozessgesteuerte Pelletherstellung für schnellere Abläufe in der Tierproduktion - das war ein Kernthema in der DDR Anfang der 1970er Jahre.

Heizkesselwerk Schönebeck (HKW, gegr. 1901/1902, NARAG)

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

Die Großproduktion von Heizkörpern begann 1902 in Schönebeck im Werk der 1901 in Berlin gegründeten Nationalen Radiator Gesellschaft mbH (NARAG), einer Tochter des 1892 in den USA gegründeten Unternehmens American Radiator Company. Das Unternehmen produzierte Radiatoren (Heizungskessel), Küchenherde, Wasserkessel und Dampfkessel. Bald schon expandierte die NARAG erst nach Neuss und dann in Europa: 1905 England, 1910 Italien, 1912 Österreich. 1929 fusionierte die NARAG in den USA mit der 1899(1890 gegründeten Standard Sanitary Manufacturing Company. Die deutschen Töchter folgten diesem Weg und produzierten fortan ebenfalls neben der Heiztechnik auch Sanitärausrüstungen wie Badewannen und Badarmaturen. Im NS-Regime wurde auch die NARAG Teil der Kriegsmaschinerie, was im Betrieb eines Außenlagers des KZ Buchenwald vom 3. März bis zum 12. April 1945 gipfelte. Seit 1944 gehörte die NARAG zum Volkswagen-Konzern und beteiligte sich an der Produktion der "Wunderwaffe" V 1. Nach dem Krieg kam der Betrieb zunächst in treuhändische Verwaltung. In Westdeutschland entwickelte sich die Unternehmung Mitte der 1950er Jahre zur Ideal Standard GmbH weiter. Die Verwaltung fand 1956 ihren Sitz in Bonn. Heizkessel für die ganze DDR kamen aus Schönebeck, bis 1968 auch Radiatoren. Das Heizkesselwerk an der Paul-Straße war ein Vorzeigebetrieb der DDR, seit 1969 VEB, 2017 jedoch nur noch eine Ruine und in weiten Teilen abgerissen. Nach dem Ende der DDR setzte der Betrieb seine Arbeit als Gussheizkessel GmbH fort, ging 1994 jedoch in Insolvenz.

der markante Sitz der Radiator-Gesellschaft in Manhattan, New York

alte Mühle

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

Getreidespeicher an der Elbe von 1936

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

Zur strategisch wichtigen Versorgung der Reichsbevökerung ließ der Reichsnährstand nach 1933 an zahlreichen Orten entlang der Flüsse und Bahnlinien Getreidespeicher anlegen. Es entstanden massive Stahlbetonbauwerke, die auch im Kriege sichere Aufbewahrungsorte für Getreide sein sollten. Zur besonderen Sicherung des Speiches und der nahen Kai-Anlagen errichteten die Nationalsozialisten gar kleine Bunker. Der Reichsnährstand ließ im ganzen Deutschen Reich diese wichtigen Versorgungszentren errichten. Ab 1937 war er bevollmächtigt, den Anbau kriegswichtiger Kulturen anzuordnen. Seit 1936 war die Landwirtschaft in den Vierjahresplan der Kriegsvorbereitungen voll eingebunden. Das Reich sollte, so der Plan, binnen vier Jahren kriegsbereit und von Rohstoffimporten weitgehend unabhängig sein.

Hermania, älteste deutsche Chemiefabrik

Foto: Martin Schramme, 2017

1793 gründete Carl Samuel Hermann eine Fabrik, die zunächst die Abfälle der Königlichen Saline aufbereitete. 1947 entstand daraus der VEB Chemisches Werk Hermania Schönebeck, der an den VEB Fahlberg-List Chemische und Pharmazeutische Fabrik Magdeburg angegliedert wurde.

Schifferschule "Karl Meseberg" (gegr. 1955)

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

1955 fand die Grundsteinlegung für die Binnenschifferschule statt. Bis 1989 durchliefene mehr als 5000 Schüler die Ausbildung zum Binnenschiffer.

VEB Sprengstoffwerk Schönebeck

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

1829 von Louis Sellier und Nikolaus Bellot gegründet begann das spätere Sprengstoffwerk zunächst mit der Herstellung von Zündhütchen, also der Treibladung für Patronen- und Kartuschenmunition. 1949 wurde das Werk volkseigen und produzierte Munition für Sport, Militär, Industrie und Bergbau. 2017 war das Unternehmen der älteste noch produzierende Munitionshersteller Deutschlands.

VEB Gummiwerk "John Schehr" | Betrieb des VEB Kombinat Schuhe Weißenfels (Abriss 2011/2012)

Foto: Martin Schramme, 2011 Gummiwerk, Foto: Martin Schramme, 2011 Gummiwerk, Foto: Martin Schramme, 2011 Gummiwerk, Foto: Martin Schramme, 2011 Foto: Martin Schramme, 2011 Wettbewerb der Brigaden August Bebel, Otto Kresse und Karl Marx
Foto: Martin Schramme, 2011 Foto: Martin Schramme, 2011 Foto: Martin Schramme, 2011

Stand Frühjahr 2011: Mit dem Gummiwerk Schönebeck (GWS) war im Sommer 1992 Schluss. Fast 15 Jahre später taucht der alte Name wieder auf. Es handelt sich um eine Neugründung an einem anderen Ort. Im Jahr 2014 befand sich die Gummiwerk Schönebeck GmbH nicht mehr in der Ortsmitte, sondern am Rand. Gesellschafter der Firma ist eine große russische Schuhfabrik.

Das alte Gummiwerk in Schönebeck stand 2011 schon lange leer, doch erstaunlich viel erhalten aus der Zeit, als dort noch die Produktion lief (Stand 2011). Erhalten sind zum Beispiel alte Spritzgussmaschinen von der Klöckner Ferromatik Desma GmbH (Desma = Deutsche Schuhmaschinen) aus Achim bei Bremen in der BRD, mit denen in der DDR Schuhsohlen produziert wurden. Nach den Typenschildern zu urteilen, stammen diese Plastikspritzgussmaschinen aus den 1980er Jahren, denn erst seit 1981 führte das Unternehmen diesen Name. In der sozialistischen Produktion wetteiferten die Brigaden Karl Marx, August Bebel und Otto Kresse (von den Nazis ermordeter Arbeiterführer aus Schönebeck).

Auch Einblicke in die Verwaltung waren bis 2011 noch möglich. So wurde mit elektromechanischen Ascota-Rechenmaschinen von Robotron gearbeitet (im Bild zu sehen sind zwei Apparate aus den 1950er Jahren). Außerdem kam ein Buchungs- und Fakturier-Automat "Robotron 1720" zum Einsatz. An einer Postanlage ist abzulesen, welche Abteilungen die Verwaltung hatte: Direktor für Kader und Bildung, Direktor für Absatz und Kooperation, Betriebsdirektor, Hauptbuchhalter, Direktor für Ökonomie (Planung, Arbeitsökonomie, Sozialökonomie), Direktor für Technik (Ratiomittelbau, Grundfondswirtschaft), Direktor für Forschung (BfN = Büro für Neuererwesen, Erzeugnisentwicklung, Technologie, PWT = Plan Wissenschaft und Technik), Forschung (Formenbau, WAO = wissenschaftliche Arbeitsorganisation, Technologie, F/E Labor = Forschung und Entwicklung), ODV = Organisation und Datenverarbeitung. Der letzte Tagebucheintrag in einem Dienstbuch stammt vom 26. Juli 1992. Zu dem Zeitpunkt hieß das Unternehmen längst SGW Schönebecker Gummiwerke GmbH. Kartonweise PUR-Formsohlen und Produktschilder aus DDR-Zeiten (Textilsportschuhe "Olympia" und "Favorit" sowie Sportpantolette) liegen herum.

Die Aufschrift "VEB Gummiwerk John Schehr Klubhaus Martin Andersen Nexö" stand an einem Gebäude, das sich direkt an der Schillerstraße befand.

Ende 2011 begann der Abriss des einzigartigen Objektes. Einige Computer-Enthusiasten aus Halle konnten wenigstens die Rechentechnik bergen. Das ist ihr Bericht.

Pablo Neruda Oberschule (DDR, Baujahr 1974)

Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017 Foto: Martin Schramme, 2017

Die Schließung der Sekundarschule Pablo Neruda war 2010 beschlossene Sache. Damit endeten 36 Jahre Schulgeschichte. Zu DDR-Zeiten war die Schule eine Polytechnische Oberschule (POS) in der damals typischen H-Form. Dabei handelte es sich um allgemeinbildene Schulen für die Klassen 1 bis 10. Pablo Neruda (1904-1973) war ein antifaschistischer Dichter aus Chile und seit 1971 Literatur-Nobelpreisträger.

Erich Weinert Bibliothek

Foto: Martin Schramme, 2017

Erich Weinert (1890-1953) war ein deutscher Schriftsteller und ab 1943 Präsident des Nationalkomitees Freies Deutschland (NKFD).

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Alkoholfreie Getränke Schönebeck
VEB Bau Schönebeck (VEB Kreisbaubetrieb Schönebeck)
VEB Bördeschuh Schönebeck
VEB Bottichfabrik Schönebeck (ab 1981 VEB Kombinat Magdeburger Kultur- und Lederwaren)
VEB Brauerei und Malzfabrik Schönebeck (Klaus-Bräu, gegr. 1810, 1946 enteignet, 1948 bis 1990 VEB, 1992 geschlossen)
VEB Braunsteinwerk Schönebeck (VEB Kombinat Gießerei und Ofenbau Königshütte)
VEB Dienstleistungskombinat Schönebeck (DLK)
VEB Dieselmotorenwerk Schönebeck, Barbara-Straße 9 (VEB Kombinat Fortschritt Landmaschinen)
VEB Elbedruck Schönebeck
Ernst Luther Holzhandlung
VEB Feinkost Schönebeck
VEB Gestellbau Groß Schönebeck (VEB Möbelkombiant Berlin)
VEB Getreidewirtschaft Calbe BT Schönebeck (VEB Kombinat Getreidewirtschaft Magdeburg)
VEB Großhandel OGS Schönebeck (OGS = Obst, Gemüse, Speisekartoffeln, VEB Kombinat OGS Magdeburg)
VEB Gummiwerk "John Schehr", Schönebeck (VEB Kombinat Schuhe Weißenfels, führend in der Herstellung von Sportschuhen mit textilem Oberteil und vulkanisierter Gummisohle)
VEB Heizkesselwerke Schönebeck
VEB Holz- und Kulturwaren Schönebeck (VEB Kombinat Holz- und Kulturwaren Magdeburg)
VEB Ingenieurtiefbau Schönebeck (VEB Straßen- und Tiefbaukombinat Magdeburg)
VEB Keramische Farben Schönebeck (VEB Kombinat Härtol Magdeburg)
VEB Kraftfuttermischwerk Schönebeck
VEB Kraftverkehr Schönebeck (VEB Verkehrskombinat Schönebeck)
VEB Kreisbaubetrieb Schönebeck
VEB Möbelfabrik Schönebeck
VEB Modellbau Schönebeck
VEB Papierverarbeitung Schönebeck (VEB Kombinat Holz- und Kulturwaren Magdeburg, ab 1981 VEB Magdeburger Kultur- und Lederwaren)
VEB Papierverarbeitungswerk Schönebeck
VEB Prowiko Schönebeck (VEB Kombinat Spirituosen, Wein und Sekt)
VEB Rohrleitungsbau Schönebeck
VEB Salzenia Gartengeräte Schönebeck, Görtzker Straße 3
VEB Schuhfabrik Elastra Schönebeck (VEB Kombinat Schuhe Weißenfels)
VEB Spiritus und Kratfutterwerk Schönebeck
VEB Sprengstoffwerk Schönebeck, Magdeburger Straße 241 (VEB Kombinat Synthesewerk Schwarzheide)
VEB Steinzeug und Pumpenwerk Schönebeck
VEB Süßmosterei Schönebeck
VEB TGA Schönebeck, Heizkesselwerk
VEB Tonmöbel Schönebeck
VEB Traktoren- und Dieselmotorenwerk Schönebeck
VEB Ziegelwerk Schönebeck-Kalbe/Milde

Wirtschaft und Leben in Schönebeck vor 1945
Dampf-Kornbranntwein-Brennerei Wilhelm Hoepffner (Destilation und Essigsprit-Fabrik)
Feodor Siegel, Schönebeck, Maschinenfabrik, Eisengießerei und Kesselschmiede
Friedrich Wilop, Gummiwaren für Schuhbedarf
Georg Jos. Scheuer Export-Kaffee-Surrogat-Fabriken (Schöneck und Fürth, gegr. 1812)
Hermania AG (älteste deutsche Chemiefabrik, vormals Königlich Preu&szig;ische chemische Fabrik)
Kaiserbrauerei Gebr. A. & W. Allendorff
Lignose Sprengstoffwerke GmbH, Berlin, Werk Schönebeck
Mercksche Guano und Phosphat-Werke AG Werk Schönebeck
Metall-Industrie Schönebeck AG (Marke "Weltrad", vormals Fahrradwerke-Weltrad AG, davor Fahrradfabrik Hoyer & Glahn)
Nationale Radiator Gesellschaft m.b.H. (NARAG)
Niederschachtofenwerk (MLK)
Norddeutsche Munitionsfabrik (1898-1924, Abriss 1934)
Rudolf Zander Bürsten- und Pinselfabrik
Speditions- und Elbschifffahrts-Konto zur Schönebeck
Sprengstoff- und Patronenfabrik A. & W. Allendorf, Schönebeck
Viktoria-Brauerei C. Morgenstern Gross-Salze
Zündhütchen- und Patronenfabrik vormals Sellier & Bellot
Zweigwerk der Junkers Flugzeug- und Motorenwerke (1945 demontiert und gesprengt)

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: Am linken Elbufer, an den Linien Magdeburg-Halle-Leipzig und Magdeburg-Staßfurt der Preußischen Staatsbahnen. Postamt erster Klasse mit Zweigstelle, Telegraph, Wasserleitung, Kanalisation. Bedeutende Industrie, darunter die chemischen Fabriken Hermania (Aktiengesellschaft mit 300 Arbeitern) zur Herstellung von chemischen Präparaten, Soda, Chlorkalk, Glaubersalz und Säuren, Robert Müller, die Zündhütchenfabrik (Aktiengesellschaft, vormals Sellier & Bellot), ferner Fabriken für Bleiweiß, Sago, Knöpfe, Malz, Leckstein, Maschinen, Lack, Kokosmatten und Kokosdecken und künstlichen Dünger sowie Brauereien. Der Handel erstreckt sich vorzüglich auf Landesprodukte, Holz und Kohlen. Die königliche Saline, die größte des europäischen Festlandes, liefert jährlich etwa 75.000 Tonnen Salz. Die Sole wird von Großsalze hergeleitet. Im Jahr 1876 wurden von der Hochflut der Elbe 600 Häuser fast vollständig unter Wasser gesetzt und viele zerstört.

Quellen
Der Ort des Terrors: Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, von Wolfgang Benz und Barbara Distel, Band 3: Sachsenhausen, Buchenwald, Verlag C.H. Beck, S. 571/572
idealstandard.de