Mittweida (Sachsen)

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 24.10.2016

1816 startete Mittweida mit einer Spinnerei und dem Anschluss an die Bahnlinie Chemnitz-Riesa in das Industriezeitalter. Mittweidas erste mechanische Weberei ging 1866 in Betrieb. Wie es 1900 in Mittweida aussah, klang im "Führer durch Mittweida und Umgebung" so: "Handel, Gewerbe und Industrie der Stadt sind ziemlich bedeutend. Man findet da verschiedene Maschinenfabriken, Eisengiessereien, Chamotte- und Thonfabriken, Ziegeleien, Möbel- und Sthulfabriken, Cigarettenfabriken, Holzstofffabriken, Spinnereien, Webereien (die Mittweidaer Barchente kennt man in aller Herren Länder), Färbereien, Rauhereien und Appreturanstalten, Gerbereien, Cement- und Kunststeinfabriken, Stein- und Buchdruckereien (Mittweidaer Tageblatt), eine renommierte Kratzenfabrik, die Aktienbrauereien (in früheren Jahrhunderten erfreute sich das hiesige Bier eines grossen Rufes) und noch verschiedene andere industrielle Etablissements. Erwähnt wird der Bergbau im Umland (Sand, Kies, Lehm, Ton, Braunkohle, Steine) und das Verschwinden der Serpentinensteinindustrie, des Hopfen- und Flachsanbaus und der Lachs-Fischerei in der Zschopau."

Baumwollspinnerei an der Zschopau

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Zu den imposantesten Bauwerken des Industriezeitalters gehören Baumwollspinnereien - wie die in Mittweida.

1908/1909 ging an der Zschopau in Mittweida ein Dampfkraftwerk in Betrieb. Später kamen eine Wasserkraftanlage (1923) und ein Pumpspeicherwerk (1928) dazu. Beim verheerenden Hochwasser im August 2002 nahm die Turbinenhalle Schaden.

Plüschweberei-Fabrik ("Plüsche")

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Im Jahr 2015 befand sich in der ehemaligen Möbelstoff- und Plüschweberei die Oldtimer-Werkstatt von Gerald Nestler. Nachdem ein Investor im Jahr 2009 abgesprungen war, zog Nestler 2013 ein. Die Geschichte des Objektes begann im 19. Jahrhundert. Louis Wilhelm Decker betrieb dort seit 1867 eine Kratzenfabrik, wo Fertigungswerkzeuge für Textilmaschinen hergestellt wurden. 1872 erfolgte die Umwandlung in eine AG. Bis zum ersten Weltkrieg handelte es sich Firmenangaben zufolge um die größte derartige Fabrik in Europa. 1895 war das Hauptgebäude um eine Halle mit Sheddach erweitert worden. 1914 meldete das Unternehmen jedoch Insolvenz an. 1915 lief die Produktion unter anderem Namen weiter, der Erweiterungsbau befand sich nun allerdings in der Hand von Wilhelm Stache aus Chemnitz und wurde 1918 zur Möbelstoffweberei, die ab 1922 als KG firmierte. Weitere bauliche Erweiterungen folgten in den Jahren 1925 und 1928. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Besetzung Mittweidas durch sowjetische Truppen kam die Fabrik 1946 unter Treuhandverwaltung, ehe sie 1953 verstaatlicht wurde. Die Fabrik lief zuletzt bis 1990 als VEB Möbelstoff- und Plüschweberei Hohenstein-Ernstthal, Werk 2 Karl-Marx-Stadt, Produktionsstätte Mittweida.

Dampffärberei und chemische Reinigungsanstalt (Gebäude von 1899)

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Mittweidaer Dampffärberei und chemische Reinigungsanstalt Paul Thielitz (DF PT CR) - die gleiche Werbung war 1998 noch an den Wohnhäusern Burgstädter Straße 67/69 zu finden

Holzbau Mittweida

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

1868 entstand der Holzbau Mittweida. In der DDR war er volkseigen. Nach der Wende 1990 wurde der Betrieb privatisiert und restrukturiert, so dass er 1992 als Firma Purholz neu startete.

Wäschefabrik Baumwollwaren en gross

alte Waeschefabrik in Mittweida, Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Wäsche musste auch früher gewaschen werden.

Bäckerei Bernstein

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Was einst in diesem Gebäude sich befand, war im Jahr 2015 noch als blasse Aufschrift zu erkennen: "Bäckerei u. Conditorei Walter Bernstein".

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Baumwollspinnerei Mittweida
VEB Behälter- und Maschinenbau Mittweida (VEB Kombinat Nagema)
VEB Bekleidungswerk Mittweida
VEB Berufswäsche Mittweida
VEB Damenberufsbekleidung Mittweida
VEB Delta Elektrowärme Mittweida
VEB Elektro-Feinmechanik Mittweida (VEB Kombinat Rundfunk und Fernsehen Staßfurt)
VEB Getränkekombinat Mittweida
VEB Holzbau Mittweida (VEB Kombinat Bauelemente und Faserbaustoffe)
VEB Kraftverkehr Mittweida (VEB Verkehrskombinat Karl-Marx-Stadt)
VEB Küchenmöbelfabrik Mittweida
VEB Kunstharzpresserei Mittweida
VEB Kunstledergewebe Mittweida
VEB Lampenschirme Mittweida (VEB Kombinat NARVA Rosa Luxemburg Berlin) VEB Lederfabrik Mittweida
VEB Mittweidaer Löwenbrau (VEB Getränkekombinat Karl-Marx-Stadt)
VEB Möbelwerkstätten Mittweida (VEB Möbelkombinat Dresden-Hellerau / VEB Möbelkombinat Zeulenroda)
VEB Preßwerk Mittweida
VEB Vereinigte Baumwollwerke Mittweida
VEB Wälzlagerkäfigwerk Mittweida (VEB Kombinat Wälzlager und Normteile Karl-Marx-Stadt)
VEB Wäscheunion Mittweida (VEB Kombinat Baumwolle)

Wirtschaft und Leben in Mittweida vor 1945
Aktien-Bierbrauerei Mittweida
(gegr. 1874, AG seit 1900, verstaatlicht 1953 zum VEB Mittweidaer Löwenbräu, 1994 reprivatisiert)
Alfred Paulick Biergroßhandlung
Arthur Beer Söhne Maschinenfabrik, Mittweida, Steinweg 11
Baumwollspinnerei Mittweida (gegr. 1884, nach 1945 VEB Baumwollspinnerei, Treuhandbetrieb von 1990 bis 1994 unter der Regie der Baumwollspinnerei in Flöha)
Gebrüder Sandner Konfektions- und Wäschegeschäft, Waldheimer Str. 8
Härtemittelwerk Frankenau GmbH
Mittweidaer Dampffärberei und chemische Reinigungs-Anstalt Paul Thielitz, Burgstädter Straße 67, Annahmestelle: Rochlitzer Straße 32 (Inhaber: Paul Bruno Thielitz)
Mittweidaer Granitwerke AG
Mittweidaer Metallwarenfabrik Rudolf Wächtler & Lange KG, Leipziger Str. 30
Mittweidaer Plakat-Institut (alleinige Befugnis zum Anschlagen von Plakaten in Mittweida)
Mittweidaer Wäschefabrik Paul Rudolph, Schillingstr. 2/4, am Bahnhof (gegr. 1899)
Präzisionswerkstätten Mittweida, Am Schwanenteich 6
Salat- und Majonnaisenfabrik H. Pause
Willy Pollrich, Kolonialwaren, Bahnhofstraße 48
Wirkwarenfabrik Hüssein Muhiddin, Weberstraße 1

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: An der Zschopau und der Linie Riesa-Chemnitz der Sächsischen Staatsbahnen. Postamt erster Klasse, Telegraph, Fernsprecheinrichtung. Technikum für Maschinenbau und Elektrotechnik. Maschinenfabriken, Baumwollwebereien und -Spinnereien, Färbereien, Cigarren-, Thonwaren-, Kratzen-, Stuhl- und Möbelfabriken. In der Nähe befindet sich die Sileber- und Bleierzgrube Alte Hoffnung.

Begriffslegende
Kratzenfabrik = Kratzen, auch Karden genannt, dienen dem Aufrauen von Geweben aus Wolle und Baumwolle, insbesondere in der Tuchmacherei. Der Tuchmacher Heinrich Ernst Ge&szli;ner aus Aue (Sachsen) ließ sich 1853 eine Universal-Rauhmaschine patentieren.