Genthin

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 25.09.2016

Auch in Genthin sind nach dem Ende der DDR zahlreiche Betriebe entweder geschlossen oder radikal verkleinert worden. Betriebe standen leer, verfielen und wurden abgerissen. So ist die Zuckerfabrik von der Landkarte verschwunden und auch die "Russen-Kaserne" ist planiert.

VEB Feinjute und Hanfspinnerei Genthin (ursprünglich Zementfabrik Paul Stolte AG)

Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014

Um 1900 ist der markante, rote Klinkerbau im Stile des Historiszismus entstanden. Bis 1920 gehörte das Gebäude zum Zementwerk Paul Stolte AG, (Zementbaugesellschaft Reichspatent GmbH), die dann nach Parey umzog. Zur Spinnerei wurde des Objekt 1936, als die Bauhütter AG einzog und Bindematerial aus Hanf und Sisal herstellte. Nach der Verstaatlichung in der DDR setzte der VEB Verpackungsmittel Mittweida, Werk Brandenburg, Betrieb Genthin die Produktion fort.

Bahnhof Genthin

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Die 1837 in Berlin gegründete Berlin-Potsdamer Eisenbahngesellschaft baute bis Oktober 1838 an der Bahnstrecke Berlin-Potsdam, die erste Bahnstrecke in Preußen. Zur Fortsetzung der Strecke bis nach Magdeburg wurde 1845 die Potsdam-Magdeburger-Eisenbahn-Gesellschaft gegründet. Sie legte Gleise auch durch Brandenburg (Havel) und Genthin. Aus beiden Gesellschaften wurde 1846 die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahngesellschaft. Als die Privatbahn in finanzielle Schwierigkeiten gelangte, griff 1880 der Staat Preußen zu für einen Kaufpreis von 40 Millionen Goldmark. In Genthin entstanden später diverse Nebenbahnen, die bis zur Übernahme durch die Sächsische Provinzbahnen GmbH in Halle (Saale) beziehungsweise die Deutsche Reichsbahn 1949 von der Genthiner Eisenbahn AG (gegr. 1898) betrieben wurden. Durch etliche Industriebetriebe, darunter eine Werft, Ziegeleien, Zuckerraffinerie, Waschmittelwerk, holz - und stahlverarbeitende Werke, fielen genügend Güter an.

Wasserturm Genthin

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Der 48 Meter hohe Wasserturm an der Geschwister-Scholl-Straße in Genthin ist kaum zu übersehen. 1934/35 wuchs er in die Höhe. Neben dem obligatorischen Wasserbehälter verfügt der Turm über eine Aussichtsplattform und vier große Figuren am Sockel. Heute ist auf seiner Spitze eine Wärmebild-Kamera befestigt, die als Brandwächter für die umliegenden Wälder fungiert und dabei eine Reichweite von 15 Kilometer hat. Anfang 2014 war der Turm sanierungsbedürftig. Die Stadt rechnete mit Kosten von 1,3 Millionen Euro. Dafür wollte sie Fördermittel einwerben, was unter anderem daran scheiterte, dass Genthin nicht den geforderten Eigenanteil aufbringen konnte.

VEB Waschmittelwerk Genthin (Henkel)

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Das Waschmittelwerk Genthin wurde 1921/22 von Henkel erbaut. Ab 1923 verließen die ersten Packungen des 1907 erstmals vorgestellten und bis heute bekannten Waschmittels Persil (Perborat und Silikat, Bleichmittel und Schmutzlöser) die Fabrik. 1944 konnten 160.000 Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel hergestellt werden. 1945 beschlagnahmte die Sowjetische Militäradministration den Betrieb und nahm Teile der Maschinen und Ausrüstungen mit. Das Werk wurde volkseigen und die Fettchemie bis 1955 neu aufgebaut. Der VEB Waschmittelwerk Genthin steigerte die Produktion bis 1989 auf 210.000 Jahrestonnen. Ein Drittel der Produktion ging in den Export. Im November 1990 übereignete die im Zuge der Wende in der DDR 1989/90 gebildete Treuhandgesellschaft das Werk an Alteigentümer Henkel. Seit Fr&uum;hjahr 2009 gehört das Werk nach dem Verlauf durch Henkel als Waschmittelwerk Genthin GmbH zur Hansa Group AG, einem Anbieter von Chemikalien fü:r Wäsche, Reinigung und Körperpflege aus Duisburg. 2012 investierte die Gruppe 50 Millionen Euro, davon 8,5 Millionen Euro vom Land Sachsen-Anhalt, in eine neue Tenside-Anlage. 2013 engagierte sich Solvay am Standort und baute eine Anlage zur Herstellung von Spezialtensiden. Seit Anfang 2014 läuft die Produktion. Am 10. Juli 2014 berichtete die "Mitteldeutsche Zeitung", dass Hansa pleite ist und dass die Zukunft des Waschmittelwerks Genthin unsicher ist. Ende des Jahres 2014 stand fest: Die Gemini Holding AG aus der Schweiz hat Teile der Hansa Group und dabei auch das Werk in Genthin gekauft.

Zichorienturm des Kaufmanns Pieschel auf dem ehemaligen Gutshof der von Plothos

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Der Zichorienturm des Kaufmanns Pieschel ist das älteste Industriedenkmal in Genthin. Die Zichorie (blaublühende Wegwarte) wurde als Heilmittel und Kaffee-Ersatz (Muckefuck) verwendet. Pieschel markiert den Anfang der Industrialisierung in Genthin. 1808 baute er in Altenplathow eine Fabrik und ließ einen Gutspark anlegen.

Der Zichorienturm befindet sich auf dem ehemaligen Gutshof der von Plothos. Die Plothos waren ein Adelsgeschlecht mit Besitzungen in Mitteldeutschland (darunter Genthin), in Flandern, Ostpreußen, Bayern und Schlesien. Von ihren Gütern ist an der Fabrikstraße bis heute ein alter Hof mit einem auffälligen, dicken Turm erhalten. Der Turm steht unter Denkmalschutz.

Henkel-Brücke

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In einem bedenklichen Zustand ist die Henkel-Brücke. Das Stahlfachwerk über dem Elbe-Havel-Kanal ist stark angerostet und die Holzlattung der Fußgänger-Überführung deutlich sichtbar verwittert.

Albrecht-Dürer-Schule Genthin (POS Albrecht Dürer)

Albrecht-Duerer-Schule Genthin | Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014 Foto: Martin Schramme, 2014

An der Wand neben dem Eingang auf der linken Seite der ehemaligen POS Albrecht Dürer befindet sich ein Wandbild, das typisch ist für die DDR der 1960er Jahre. Die Leitbilder und Sehnsüchte jener Zeit (DDR 1949-1989) sind dort festgehalten: Die Sonne und zwei Tauben als Zeichen des Friedens, ein Apfelbaum mit reifen Äpfeln, eine Mutter mit Kind auf dem Arm, eine Junge am Fernrohr, eine Tafel mit dem Satz des Pythagoras, Schülerinnen an Reagenzglas und Mikroskop, ein Lehrer an der Weltkugel, Erlenmeyerkolben als Symbole für die Chemie ("Chemie bringt Wohlstand und Schönheit."), eine Sojus-Rakete, Sputnik (der erste Satellit im Weltall) und diverse Raumfahrtkapseln, ein Atommodell (Atomkraft stand damals für den Fortschritt und den Sieg des Sozialismus) eine Weltkugel und Friedenstauben (Weltfrieden, friedliche Nutzung der Atomkraft).

Betriebe in der der DDR (1949-1990)
VEB Damenbekleidung Genthin
VEB Dauermilchwerk Stendal-Genthin (Vereinigung zur Lenkung der Milchindustrie Magdeburg)
VEB Feinjute und Hanfspinnerei Genthin (ursprünglich Zementfabrik Paul Stolte AG)
VEB Fleischverarbeitungswerk Genthin
VEB Genthiner Brauhaus (Betrieb im VEB Getränkekombinat Magdeburg)
VEB Genthiner Kinderbekleidung (VEB Kombinat Oberbekleidung Erfurt)
VEB Getreidewirtschaft Genthin (VEB Kombinat Getreidewirtschaft Magdeburg)
VEB Kindermoden Genthin
VEB Kraftfuttermischwerk Genthin (VEB Kombinat Getreidewirtschaft Magdeburg)
VEB Kreisbaubetrieb Genthin
VEB Kreisdruckerei Genthin
VEB Schiffswerft Genthin
VEB Stahl- und Apparatebau Genthin (VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann Magdeburg)
VEB Tierkörperverwertungsbetrieb Genthin (VEB Fleischkombinat Magdeburg)
VEB Verkehrstechnik Genthin (VEB Kombinat Unitras Magdeburg)
VEB Waschmittelwerk Genthin (bis 1957 VEB Persilwerk Genthin, Betrieb im VEB Kombinat Agrochemie Piesteritz) VEB Werkzeugmaschineninstandsetzung Genthin
VEB Zuckerfabrik Genthin (VEB Zuckerfabrik F.C. Achard Genthin, Betrieb im Kombinat Zucker, Achard wurde von der Treuhand 1990 ohne Arbeitsplatzzusage an die Zuckerverband Nord AG veräußert, die das Werk noch im selben Jahr schloss. | Franz Carl Achard, Schüler des er Berliner Chemikers und Rübenzucker-Entdeckers Andreas Sigismund Marggraf, initiierte 1802 den Bau der ersten Rübenzuckerfabrik in Schlesien. Die Kontinentalsperre Napoleons verhinderte den Import von Rohrzucker aus Übersee und beförderte die Suche nach Alternativen. 1901 wurde die Zuckerraffinerie Genthin AG gegründet. Als Ausrüster trat die Halleschen Maschinen-Fabrik und Eisengießerei in Aktion. 1935 übernahm die AG die Zuckerfabrik Calbe AG und die Zuckerfabrik Frankenstein AG. Am 30. Juli 1946 erfolgte die Enteignung. )

Wirtschaft und Leben in Genthin vor 1945
Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: An der Stremme und am Plauenschen Kanal, an der Linie Berlin-Potsdam-Magdeburg der Preußischen Staatsbahnen. Post erster Klasse, Telegraph. Thonwarenfabrikation, große Böttcherei und Ziegeleien, mehrere Dampfschneidemühlen, Puppen- und Handschuhfabrik.

Quellen
www.ww-genthin.de (Waschmittelwerk)
www.hansagroup.de