Eilenburg - Celluloid-Film-Stadt

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Bilder ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 21.06.2016

Eilenburg war einst eine der bedeutendsten Wirtschaftsstandorte in Sachsen und eine stolze historische Stadt. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges jedoch wurden große Teile des historischen Eilenburg zerstört, nachdem das NS-Regime die Stadt zur Festung erklärt hatte, was einen sinnlosen totalen Vernichtungskampf nach sich zog. Eilenburg gehörte einst zum Freistaat Preussen in der Provinz Sachsen und im Regierungsbezirk Merseburg. Eilenburg war Garnisionsstadt. Zu DDR-Zeiten führte die NVA die Kaserne Kurt Bennewitz. Seit 1979 befand sich in Eilenburg das Bataillon funkelektronischer Kampf (BfeK), das für Funkaufklärung und Funkstörung zuständig war und unter anderem den Funkverkehr der US Air Force abhörte. Seit 1872 liegt Eilenburg an der Bahnstrecke Halle-Cottbus. Seit 1874 besteht zudem die Bahnverbindung über Taucha nach Leipzig. Bis zur Einbindung in Leipzigs Hauptbahnhof 1915 bestand in Leipzig etwas weiter süd&östlich der Leipzig Eilenburger Bahnhof. Nebenbei war Eilenburg Vorreiter des deutschen Genossenschaftswesens. Wikipedia schreibt dazu: "1850 schufen in Eilenburg Handwerker und Arbeiter die Eilenburger Lebensmittelassociation, die erste richtige Konsumgenossenschaft in Deutschland." Eine Gedenktafel am ehemaligen Gasthof "Zur Rose" erinnert daran.

Deutsche Celluloid-Fabrik AG (DCF), VEB Eilenburger Celluloid-Werk (ECW)

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

1888 als Zweigstelle der 1887 in Plagwitz (Leipzig, Seumestrasse 29, heute Holbein- Ecke Stieglitzstrasse) gegründeten Ernst Mey & Co. KG beim Amtsgericht Eilenburg eingetragen. Seit 1889 agierte das Unternehmen als Aktiengesellschaft unter dem Namen Deutsche Celluloid-Fabrik AG, Leipzig (DCF). 1915 erfolgte die endgültige Verlegung von Leipzig nach Eilenburg. Seit Herbst 1926 Teil der IG Farbenindustrie AG. 1934 ließ sich die Deutsche Celluloid-Fabrik unter der Nummer 655950 beim Reichspatentamt ein "Verfahren zur Herstellung gleichmäßiger Folien und Tafeln aus Polyvinylverbindungen patentieren. Am 4. Juni 1939 legte das Unternehmen nach mit Patent Nummer 731516 und einem "Verfahren zur Herstellung von Aufnahmeschallplatten". Bei der Schallplatte ging es um den neuartigen Kunststoff Decelith, der aus "rein deutschen Rohstoffen" gefertigt wurde und beidseitig selbst bespielt werden konnte. Die Aufnahme-Tonspur konnte in die Decelith-Platte ohne Vorbehandlung mittels Diamant-, Saphir- oder Stahlstichel geschnitten werden. In den ersten Nachkriegsjahren kam Decelith auch als Gehäuse für Scheinwerfer und Rücklichter zum Einsatz. Den Kunststoff auch als Fahrradbereifung zu etablieren, scheiterte und der Unbrauchbarkeit des Materials im Praxisbetrieb. Nach der Enteignung 1945/46 durch die Sowjetische Militäradministration wurde die Chemiefabrik der Staatlichen Aktiengesellschaft PHOTOPLENKA zugeschlagen. ЭЙЛЕНБУРГСКИЙ ЦЕЛЛУЛОЙДНЫЙ ЗАВОД Am 1. Januar 1954 wurde die SAG Photoplenka aufgelöst. Zu ihrem Bestand hatte auch die Filmfabrik in Wolfen gehört. Die Zahl der Beschäftigten lag zur Spitzenzeit 1960 bei 2434. In den Jahren 2002 bis 2008 fielen große Teile des historischen Werkes der Abrissbirne zum Opfer.

Weitere Celluloidwerke gab es in Speyer, Lank-Latum (Meerbusch), Mannheim-Neckarau, Stuttgart ... Das 1870 patentierte Zelluloid (Celluloid) war ein hochentzündlicher Kunststoff, der insbesondere für die Filmindustrie, aber zum Beispiel auch für die Spielwaren-Industrie (Puppen) benötigt wurde. Aus Sicherheitsgründen endete die Zelluloidherstellung weltweit zum Jahreswechsel 1950/51. Allerdings bewährte sich Celluloid weiterhin für die Herstellung von Tischtennisbällen in Krumhermersdorf, wo 1963 dafür eine Strumpffabrik umbaute.

Wasserturm am ECW (Baujahr 1916, Intze)

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Eigens für den immensen Wasserbedarf des Chemiewerkes in Eilenburg unweit der Mulde wurde 1916 ein 60,5 Meter hoher Wasserturm errichtet, der vier Hochbehälter mit 1000, 500, 65 und 20 Kubikmeter (zusammen also 1585 Kubikmeter) sowie einen Tiefenbehälter mit 500 Kubikmeter Fassungsvermögen bekam. Von 2002 bis 2004 wurde der Wasserturm, der weithin zu sehen ist, saniert.

Sternwarte Juri Gagarin

Foto: Martin Schramme, 02.2015
Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme

Nach der Besetzung der Mitte des alten Deutschen Reiches 1945 durch die Rote Armee (SBZ) wurde - nach sowjetischen Vorbild - der Sozialismus/Kommunismus zum Ziel aller Bemühungen. Fortan hieß die Parole "Für Frieden und Sozialismus". Die als fortschrittlich deklarierte sozialistische Gesellschaft feierte als einen ihrer größten Siege die Eroberung des Weltalls erst durch Maschinen (Sputnik), dann durch Menschen (Juri Gagarin, Valentina Tereschkowa). Eine beispiellose Begeisterung erfasste die Bevölkerung, der Astronomie-Unterricht wurde in den Lehrplan der Schulen eingeführt, Sternwarten und Planetarien entstanden, so auch in Eilenburg. Am 21. Oktober 1965 wurde auf dem Mansberg ein 40 Plätze umfassendes Planetarium eröffnet.

alte Mühle

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Auf der Mühleninsel inmitten der Mulde stehen Reste der historischen Bebauung.

Läden aus der DDR

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme Foto: Martin Schramme

In einem Fenster des Gebäudes waren im Februar 2015, fast 25 Jahre nach dem Ende der DDR, blaue Aufkleber zu finden, die Nutzung des Objektes als Lebensmittelladen erinnerten: Links war unter anderem die unverwechselbare Silhouette einer Fit-Flasche (DDR-Spülmittel) zu erkennen, rechts standen ein Eierbecher und eine DDR-Halbliter-Milchflasche, in der Mitte Reste des Schriftzuges "Lebensmittel".

Straßenzug aus der DDR (1957)

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015

Der 200 Meter lange Gebäudeblock entlang der Leipziger Strasse 57 bis 67 in Eilenburg wurde in den Jahren 1953 bis 1957 im Zuge des Nationalen Aufbauwerkes (NAW) errichtet. Das aufwändig gestaltete Ensemble steht unter Denkmalschutz und ist in der Denkmal-Liste des Landes Sachsen eingetragen. Am Torbogen des Hauses Nummer 63 befindet sich eine Agraffe (besonderer Schlussstein) mit dem Wappen der DDR (Hammer = Arbeiter und Ährenkranz = Bauer als Symbol für die Idee vom Arbeiter- und Bauernstaat sowie Zirkel = Intelligenz). Nachdem sich im Wappen anfangs kein Zirkel befand wurde er in den Jahren der Bauarbeiten ergänzt.

Betriebe in der DDR (1949-1990)
VEB Baureparaturen Eilenburg
VEB Bonbonspezialfabrik, ehemals Henze KG (Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Henze AG)
VEB Delicata
VEB Dermatoid Eilenburg (Dermatoid-Werk Paul Meißner, wurde 1970 dem VEB Kunstlederwerk Borsdorf angegliedert)
VEB Dienstleistungskombinat Eilenburg
VEB Eilenburger Baustoffmaschinenwerk (EBAWE, VEB Kombinat Baukema)
VEB Eilenburger Celluloid-Werk (ECW)
VEB Eilenburger Chemiewerk (VEB Chemische Werke Buna, Schkopau)
VEB Eilenburger Qualitätsmöbelfabrik
VEB Etuiherstellung Eilenburg (ehemals Etuifabrik Sieg, VEB Kombinat PAKUWA Leipzig)
VEB Geflügelwirtschaft
VEB Getränkehrstellung Eilenburg
VEB Getränkewerk Eilenburg (VEB Getränkekombinat Leipzig)
VEB Getreidewirtschaft
VEB Hausschuhwerk Zschortau, Betriebsstätte Eilenburg
VEB Innenausstattung Eilenburg
VEB Kalksandsteinwerk Eilenburg
VEB Klubtische Eilenburg (ehemals Tischfabrik Franke, VEB Möbelkombinat Zeulenroda)
VEB Kreisbaubetrieb Eilenburg
VEB Möbelbau Eilenburg
VEB Möbelwerke Eilenburg (VEB Möbelkombinat Zeulenroda)
VEB Papierwarenfabrik Eilenburg (Tüten-Kleine)
VEB Plastex Delitzsch Betrieb Eilenburg
VEB Qualitätsmöbelfabrik (QMF, ab 1970 VEB Möbelwerk Eilenburg)
Vereinigte Süßwarenwerke Delitzsch-Eilenburg (VEB KOmbinat Süßwaren Halle)
ZBE Speisekartoffeln

Wirtschaft in Eilenburg vor 1945
Deutsche Celluloid-Fabrik AG, Leipzig (DCF)
Schokoladen- und Zuckerwarenfabrik Henze AG

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: Etwa zu zwei Dritteilen auf einer Insel der Mulde gelegen, an den Linien Halle-Cottbus und Leipzig-Eilenburg der Preußischen Staatsbahnen. Fabrikation von Chemikalien, Celluloid, Tuch, Kattun, Pique, Webösen, Cigarren, landwirtschaftlichen Maschinen, Eisengießereien, Mehl- und Schneidemühlen, Bierbrauereien und Kunstgärtnereien.

Quellen
Wolfgang Beuche: "Die Industriegeschichte von Eilenburg"