Apolda

Artefakte - Denkmale deutscher Geschichte
Fotos: Martin Schramme | Keine Verwendung der Fotos ohne Nachfrage!
letzte Änderung: 10.07.2017

Apollowerke - Wiege des Automobilbaus in Thüringen

Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Foto: Martin Schramme, 2015 Auf dem gesamten Betriebsgelände ist das Rauchen verboten!

1904 begann in Apolda die Automobil-Produktion durch die Firma Ruppe & Sohn. Ab 1910 hieß die Unternehmung Apollo-Werke AG. Fahrzeuge der Marken Piccolo und Apollo verließen die Werkhallen. Alte Apoldaer erinnern sich an den Mobbel. Am 11. Februar 2014 berichtete die "Thüringer Allgemeine", dass der Motorsportclub Apolda den Abriss des historischen Komplexes verhindern will. Von Denkmalschutz war die Rede. Kurz zuvor hatte die Stadtverwaltung Apolda das Gelände erworben. Bereits 1995 war es dem Museum der Stadt gelungen, einen "Mobbel" zu kaufen. Im Frühjahr 2014 ersteigerten die Apoldaer Bernd und Marko Planer in Wien einen original Mobbel-Motor mit dem Ziel, mit diesem einen Piccolo zu bauen. Weltweit soll es noch mindestens 24 Piccolo geben. Die Pkw-Marken Apollo und Piccolo wurden bis 1927 produziert und waren wegen der guten Qualität zum günstigen Preis sehr gefragt. Bei der Modellentwicklung wirkte der Konstrukteur und Rennfahrer Karl Slevogt (1876-1951) seit 1910 mit, wobei er seine Erfahrungen als Konstruktionschef bei Laurin & Klement (Mladá Boleslav) sowie Puch (Graz) mitbrachte. Er führte die Wasserkühlung ein und moderne Karosserieformen. 1922 soll er es gewesen sein, der die legendäre Rennstrecke Schleizer Dreieck entdeckte. Selbst in der Türkei warb der deutsche Automobilhersteller aus Apolda einst für "erstklassige Material und gediegenstes Konstruktion". Im Angebot waren Personenwagen, Lieferungswagen und Schnell-Lastwagen.

2014 träumten IBA-Projektentwickler von der Zukunft des Apollo-Werkes in blumigen Worten: "Mission Apollo 23 – Von Mondlandschaften zum Innenentwicklungspotenzial". 2016 soll diese Vorstellung schon Wirklichkeit werden, im Herbst 2015 war von Visionen jedoch nichts zu sehen.

Villa

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Diese Villa aus der Kaiserzeit schmeichelt dem Auge des Betrachters. Das 1910 errichtete, heute denkmalgeschützte Eckhaus stand 2010 für 8000 Euro zur Versteigerung, nachdem es im Vorjahr gebrannt hatte.

alte Villa mit VEB-Aufschrift

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Direkt neben dem Hauptgebäude des Feuerlöschgerätewerkes befindet sich eine Villa mit einem Nadelbaum-Wappen und der Aufschrift VEB.

Feuerlöschgerätewerk Apolda

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Das Hauptgebäude des Feuerlöschgerätewerkes in Apolda ist ein Paradestück der Bauhaus-Architektur. Architekt des Bauwerkes war Egon Eiermann (1904-1970). Eiermann belegte von 1925 bis 1928 die Meisterschule beim Bauhausarchitekten Hans Poelzig. Anders als die meisten Bauhäusler (einschließlich Poelzig) konnte er während der NS-Zeit unbehelligt weiter arbeiten, wobei er vor allem Industriebauten entwarf, darunter 1938 für die Auergesellschaft Berlin, die später in wichtige Rüstungsvorhaben wie das Uranprojekt und die Giftgasproduktion der Orgacid eingebunden war. Nach dem Ende der Produktion stand es lange leer und verfiel. Dann wurde es gerettet und saniert. Doch wer das Objekt nutzt, war im Herbst 2015 noch unklar. Seit 1992 steht das Eiermann-Haus unter Denkmalschutz.

alter Schlachthof Apolda

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Seit Oktober 1992 ist die Thüfleiwa Thüringer Fleischwaren Produktions- und Vertriebs AG auf dem Gelände tätig. Damit führt sie die Tradition der Fleisch- und Wurstwarenproduktion fort, die an diesem Standort Ende der 1960er Jahre begann. Zuvor war das Objekt ausschließlich Schlachtungen vorbehalten. In der Kaiserzeit war der Städtische Schlachthof Apolda erbaut worden.

Strickwaren-Fabrik

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Apolda war einst eine Hochburg der deutschen Textilindustrie, was sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, als David der Strickermann mit Strumpfstricken sein Brot verdiente. Exquisite Textilerzeugnisse aus Apolda gingen schließlich in die ganze Welt.

Glockengießerei

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Apolda ist deutschlandweit bekannt als Ort des Glockengusses. Während der zwei Weltkriege wurden viele Glocken zugunsten der Kriegswirtschaft konfisziert und eingeschmolzen. Im Ersten Weltkrieg war dafür die Kriegsmetall AG in Hamburg, Dovenfleth 20, zuständig. Eine Glockensammelstelle befand sich auch im mecklenburgische Schönberg.

Umspannwerk

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Dieses alte Umspannwerk befindet sich unweit des alten Schlachthofes.

altes Robert-Koch-Krankenhaus (Teilobjekt)

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Das alte Krankenhaus an der Robert-Koch-Straße stand im Herbst 2015 leer. Im Dezember 2002 wurde das neue, zentrale Robert-Koch-Krankenhaus am Ortseingang Richtung Jena übergeben.

Ingenieurschule für Baustofftechnologie

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Heute beherbergt der Gebäudekomplex die Materialforschungs- und Prüfanstalt an der Bauhaus-Universität Weimar (BUW).

Lederwarenfabrik (VEB Apoldaer Lederwarenfabrik)

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In der DDR war die Lederwarenfabrik an der Bukarester Straße in Apolda seit 1952 volkseigen, also staatlich. Schon bald entwickelte sich der Betrieb zur einem Hersteller hochwertiger Exportware. Die für den Glockenguss weithin bekannte Stadt kennzeichnete ihre Produkte mit dem Glockensiegel. Damen-, Stadt- und Reisetaschen aus Apolda gingen in 18 Länder, darunter die UdSSR (Sowjetunion), Kuweit, Schweden und Schweiz. Drei von vier Taschen waren für Kunden im Ausland bestimmt, die meisten für die BRD. Was viele Westdeutsche nicht wissen: Viele Waren in ihren Geschäften kommen aus der DDR, so eben auch Lederwaren von Addidas und Neckermann. Im Zuge der Kombinatsbildung wurde der VEB Apoldaer Lederwarenfabrik 1969 zum Leitbetrieb der Erzeugnisgruppe Damen-, Stadt- und Reisetaschen und führte weitere 120 Fertigungsstätten. Für den Binnenhandel stellte Apolda die Auto-Himmel für Trabant und Wartburg her. Bis zu 600 Menschen arbeiteten in der Fabrik. Dann kam das Ende der DDR, aus dem Kollektiv wurde das Team, das im Jahr 2007 noch aus 60 Leuten bestand. 2014/2015 produzierte das Lederatelier Apolda für die Weltmarke MCM, die mit Luxusleder-Artikeln handelt, und für Germanmade, Etienne Aigner und Wunderkind von Wolfgang Joop. In Teilen des alten Fabrikgebäudes befand sich ein "Planet Casino".

Ludwig Raebel AG

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Raebel war 2015 als Offene Handelsgesellschaft (OHG) für Tischwäsche und Geschenkartikel tätig und stellte sich auf seiner Internetseite als eines der ältesten Unternehmen in Apolda vor, das seit mehr als 100 Jahre im Ort ansässig ist. Nach Aktenlage des Bundesarchivs hatte Raebel 1936 die Umwandlung von einer Kapitalgesellschaft (AG) in eine OHG beantragt.

Wirkwarenfabrik Richter & Fürste Apolda

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Die Wirkwaren-Fabrik Richter & Fürste warb in den 1930er Jahren als Spezialist eines billigen Genres modischer Strickbekleidung.

Uhrenwerke Apolda

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VEB Mechanik Uhren- und Maschinenfabik Ruhla, Werk Apolda
Vorläufer war die 1873 in Ruhla gegründete Metallwarenfabrik Gebrüder Thiel. Ende der 1880er Jahre begann das Unternehmen die Uhrenproduktion. 1891 begann bei Thiel Deutschlands erste industriellen Produktion einer Taschenuhr. 1901 erfolgte die Umfirmierung zur Gebrüder Thiel GmbH. 1912 begann Thiel den Einstieg in die Fabrikation von Werkzeugmaschinen. 1922 wurde Apolda zu einem der weiteren Produktionsstandorte. Nur die Thiel-Standorte Ruhla und Apolda überstanden Reparationen und Demontagen nach Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Seit 1. Mai 1952 hieß der Werksverband VEB Uhren und Maschinenfabrik Ruhla.

Betriebe in der DDR
VEB Apart Apolda (VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt)
VEB Apoldaer Lederwarenfabrik, Bukarester Straße 13 (VEB Kombinat Lederwaren Schwerin)
VEB Brennschneidmaschinen Apolda, Erfurter Straße 15 (VEB Kombinat Feinmechanische Werke Halle)
VEB Feuerlöschgerätewerk Apolda (VEB Kombinat Fortschritt Landmaschinen)
VEB Jenapharm, Laborchemie Apolda (VEB Pharmazeutisches Kombinat)
VEB Mechanik Uhren- und Maschinenfabik Ruhla, Werk Apolda (VEB Kombinat Mikroelektronik Erfurt)
VEB (K) Metallbau und Labormöbelwerk Apolda (MLW)
VEB Modern, Apolda (VEB Kombinat Trikotagen Karl-Marx-Stadt)
VEB Strick- und Wirkwaren, Textilmode Apolda
VEB Vereinsbrauerei Apolda

Wirtschaft in Apolda vor 1945
Bernhard Blümel Wirkwaren-Fabrik
Gebr. Ulrich Glockengießerei AG Apolda (Bronzeglocken, Läutmaschinen mit elektrischem Antrieb; zweiter Standort in Kempten im Allgäu)
Gottlob Miltsch, Fabrikation von Strick- und Wirkwaren und Fantasieartikeln
Henze & v.d. Gönna Apolda - Leder-Treibriemen-Fabrik
Herbert Opel Strick-Wirkwaren-Fabrik
Hermann Borgmann Weberei, Wirk- und Wollwaren-Fabrik (Fabrikation von Lammfell- und Eiderdaunenstoffen, Flauschstoffen, Trikot-Konfektionsstoffen aller Art, Mohairplüschen und Fellimitationen, Woll- und Friesplüschen und Eisbärstoffen; eigene Dampffärberei, Wäscherei und Appreturanstalt; Zweigniederlassung in Berlin, Krausenstraße 38)
Paul Trognitz - Technisches Geschäft (Specialitäten: importierte russische und amerikanische Maschinen- und Cylinderöle für Satt- und Heißdampf, Gas- und Elektromotorenöle, Knochen-, Klauen-, Centrifugen-, Strickmaschinen-, Automobil- und Vaselinöle, industrielle Fette, Kernleder-Treibriemen und alle Arten Textilriemen, als Balata-Kamelhaar- und Baumwoll-Riemen, endlos und in Rollen)
Loeser & Goetze - Fabrik gewirkter, gewebter und gehäkelter Fantasie-Artikel in Seide, Wolle und Baumwolle
Louis Lepper Büchsenmacher
Ludwig Raebel AG
Stieberitz & Müller Nachf. Apolda, Maschinenfabrik, Eisengiesserei, Kessel & Kupferschmiede
Strick- u. Wirkwaren-Fabrik Breitenborn & Hamel (Musterläger und Vertreter in Königsberg, Hamburg, Fellbach, Frankfurt/Main, Berlin, Düsseldorf, Bremen, Amsterdam)
Total Kommanditgesellschaft Foerstner & Co.
Vereinsbrauerei Apolda Aktiengesellschaft
Web-, Wirk- und Strickwarenfabrik Borgmann & Co. GmbH
Wirkmaschinen-Fabrik Bruno Knobloch (Specialitäten: Raschel- und Drehkettenstühle, Plüschtrenn-, Scher-, Rauh-, Spul- und Zwirnmaschinen und Haspeln, Spulen in Holz und Pappe)
Wirk- und Strickwaren-Fabrik Max Wiener
Wirkwarenfabrik Walter Seiss
Wurstfabrik Wilhelm Wiegand (königlicher Hoflieferant)

Eintrag im Brockhaus-Lexikon von 1894: "Fabrikation von Wollwaren (67 Fabriken mit 8000 Arbeitern und Faktoreien in ganz Thüringen) Maschinen, Posamenten, Kartons, Kisten, Konditorei-, geräucherten Fleischwaren und Ziegelsteinen; Färbereien, Brauereien, Eisen- und Glockengießereien. Der jährliche Gesamtumschlag der Wollwaren beträgt gegen 20 Millionen Mark."

Eintrag im Volks-Brockhaus von 1936: Industriestadt in Thüringen, bei Weimar; Strick- und Wirkwarenherstellung, Maschinenfabriken, Glockengie6szlig;ereien.

Begriffslegende
Balata = Ort in Palästina
Eiderdaunstoffe = Der Begriff Eiderdaunen kommt von der Eiderente. Bei Eiderdaunstoffen handelt es sich um Wirkware, ganz weich appretierte Flanelle oder auch leinenes Inletzeug
Faktorei = alter Begriff für Handelsniederlassung
Haspel = technisches Hilfsmittel zum Auf- und Abwickeln zum Beispiel von Textilfäden
Karl-Marx-Stadt (in der DDR Bezirksstadt des gleichnamigen Bezirkes) = heute Stadt Chemnitz im Freistaat Sachsen
VEB = Volkseigener Betrieb